Rezension von: Opfermädchen (Laura Wörle)

»Es ist Der Sohn, der unsere Gemeinde terrorisiert. Er entführt unsere Töchter, vergewaltigt sie, tötet sie. Jedes Jahr. Und wir? Wir können uns nicht wehren, müssen gar schweigen, denn er hat uns in der Hand.«

Nun trifft es Melanie, die in der Gefangenschaft des psychopathischen Mannes ausharren muss – ohne viel Hoffnung zu überleben. Schön stellt die Autorin die verzweifelte Lage des Mädchens und ihre Gefühlswelt dar. Doch Hoffnung besteht sehr wohl, denn ein Trio macht sich auf, die Handlungsstarre der Gemeinde zu durchbrechen und auf eigene Faust zu handeln. Das Trio ist ungewöhnlich zusammengesetzt (ein 12jähriges Mädchen, ein jugendlicher Mann und eine Frau) – das ist mal etwas anderes und gefällt mir.

Das Werk ist handwerklich außerordentlich gut geschrieben. Was ich damit meine, ist: Der rote Faden zieht sich ohne Knoten durchs Buch, lineare Handlung, gut strukturiert, Spannungsaufbau bis zum Ende, sehr verständlich geschrieben, der Leser weiß immer, woran er gerade ist. Außerdem gibt es kaum eine Stelle, wo ich die Backen aufblase und sage: Puhhh, das hätte man auch einfach weglassen können (und die wenigsten Bücher können das von sich behaupten!). Dadurch liest sich die Geschichte sehr angenehm.

Die 12-jährige Nina ist ein interessanter Charakter. Sie konnte aus der Gefangenschaft des Killers fliehen. Einerseits ist sie traumatisiert, andererseits wurde ein unglaublich starker Wille in ihr geweckt, ihre Retterin Melanie zu befreien.

Insgesamt also ein guter, spannender Thriller. Warum „nur“ gut und nicht ausgezeichnet? Mir hat noch die Sahne auf der Torte gefehlt. Ich denke, das hat vor allem mit dem Killer zu tun. Auf mich hat er nicht ganz so den Schrecken ausgeübt, wie er vielleicht sollte. Mir wurde er zu sehr verniedlicht und nicht unvorhersehbar genug dargestellt. Außerdem habe ich ihm sein Motiv für seine Taten nur so halb abgekauft.

Ich bin sehr gespannt, was man von der Autorin noch erwarten darf. Das Schreibhandwerk sitzt, und wenn sie den nächsten Schritt geht und ihre Geschichten noch ein wenig komplexer ausarbeitet, darf sich die Thriller-Welt schon mal die Hände reiben.

Laura Wörle