Aus meiner Feder

Bücher
Das Feuer in mir

In einer Welt, in der dunkle Mächte auferstehen, verlieren die Menschen den Glauben.
Nach dem Tod ihrer Schwester steht Leanne am Abgrund. Nur Damion, Anführer der Zwölf Boten, vermag wieder Licht in ihr Leben zu bringen. Er und seine Gruppe bieten ihr Geborgenheit – doch ihre Ansichten spalten das Volk. Sie sind als Sekte verschrien, die den dunklen Gott verehrt und Schwarze Magie praktiziert.
Und sie planen eine Rebellion.
Gefangen in einem Konflikt zwischen Liebe, Glaube und Moral muss sich Leanne für eine Seite entscheiden – ohne zu wissen, wem sie vertrauen kann.

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Der Schatten in mir

Der Schatten in mir_ebookEin Dorf in Angst.

Ein Mädchen mit Borderline.

Eine Fantasy-Geschichte in einem magischen Königreich.

 

 

“Dieses Buch verbindet auf clevere Weise gesellschaftliche Strukturen, psychische Abgründe und Magie, ganz ohne konstruiert zu wirken.”
Rezension von Bordsteinprosa

“Christian Milkus hat mit Herzblut eine mitreißende Geschichte geschrieben. Er führt den Leser auf falsche Spuren, verwöhnt mit bildhafter Sprache und hält ein überraschendes Ende parat. Besonders hat mich die Entwicklung der Charaktere überzeugt.”
Rezension von A. G.

Klappentext
»Ich heiße Salya, und ein Schatten liegt auf meiner Seele. Ich verletze mich selbst, um diese Welt ertragen zu können.«

Eines Tages wird Schwarzbach, ein kleines Dorf mitten im Wald, von einem Diener der Finsternis heimgesucht. Bald darauf geschehen schreckliche Dinge: Wölfe werden zu Bestien, Menschen sterben. Hilflos muss Oberhaupt Kolen mit ansehen, wie seine Nachbarn den verfluchten Ort zu verlassen drohen. Die junge Salya vernimmt den Ruf der Götter. Zum ersten Mal in ihrem Leben verlässt sie ihre Heimat, um jenem Ruf zu folgen. Doch kann ausgerechnet sie ihrem Dorf helfen? Zantul, der Gott der Finsternis, hat sie längst als Bedrohung erkannt, und nicht einmal die Bewohner ihres eigenen Dorfes trauen ihr.

»Seht euch ihre Wunden an! Sie ist von einem Dämon besessen, der sich an ihrem Blut labt!«

Leseprobe: Kapitel 1 (Kolen) - Im Wirtshaus eines kleinen Dorfes
Eine Stille herrschte im Wirtshaus, wie ich sie als Wirt noch nie erlebt hatte. Meine drei Stammgäste saßen am Tisch, jeder starrte in eine andere Richtung, keiner sprach ein Wort. Einem Fremden würde die angespannte Stimmung nicht auffallen. Er würde die Stille bei einem Krug Bier vor dem Feuer genießen, ohne sie zu hinterfragen. Doch mir entging nichts, denn ein guter Wirt kennt seine Gäste. Mir fiel auf, wie Tarlow mit den Fingern auf den Tisch tippte, wie Jack an seinem Bart spielte, wie Canis bei jedem Jaulen des Windes zuckte und zum Fenster schaute. Tarlow schwelgte heute nicht in Erzählungen von früheren Zeiten, und Jack machte keinen seiner albernen Witze.
Draußen pfiff der Sturm und ließ das Türschild gegen das Haus hämmern. Immer und immer wieder, als wollte der Wind das Holz zermürben. Drinnen knisterte das Feuer, ab und zu stellte jemand seinen Krug ab, rülpste oder hustete. Diese Geräusche waren mir vertraut, ebenso der Geruch von Bier, der mein Wirtshaus wie jeden Abend erfüllte. Das Vertraute beruhigte mich, versicherte mir, das Leben im Dorf ging weiter, wir waren noch hier, alles war wie gewohnt.
Aber ein Wirtshaus ohne die Stimmen seiner Gäste ist wie ein Körper ohne Seele. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Krüge zu spülen und die drei Kumpane zu beobachten. Tarlow, sonst nie um Worte verlegen, hielt heute seinen Mund geschlossen. Jack, dessen Augen sonst vor Übermut zu funkeln schienen, brütete dumpf vor sich hin. Letztlich war der junge Canis derjenige, der Worte fand – ausgerechnet Canis.
»Wir müssen uns der Wahrheit stellen!« Er stand auf und gestikulierte wild mit den Händen. »Wir können uns nicht ewig Bier in den Rachen schütten, als wäre nichts geschehen. Ein Narr, wer die Zeichen ignoriert!«
Was fürchtet man mehr: Wenn der geschwätzige Mann schweigt oder wenn der schüchterne Junge redet? Für mich zweifellos Zweiteres, denn selbst die schlimmste Schnattergans hält ab und zu die Klappe. Doch sei wachsam, wenn der Schweigsame spricht, denn für ihn trägt jedes einzelne Wort ein großes Gewicht!
Canis schaute zu Tarlow, zu mir, zu Jack. Weder begegneten Tarlow und Jack seinem Blick noch antworteten sie. Sie starrten in ihre Krüge.
»Was sollen wir deiner Meinung nach machen?«, fragte ich ihn.
Er schüttelte den Kopf. »Weiß ich nicht, aber in unserem Dorf sind wir nicht mehr sicher.«
»Nirgends sind wir sicherer als in Schwarzbach. Hier haben wir alles, was wir brauchen, und der Wald um uns herum schützt uns vor Feinden.«
Er senkte seinen Blick wieder, dann sagte er leise: »Vor so etwas kann uns niemand schützen.«
Ich sah die Furcht in ihren Augen. Wie gerne hätte ich sie beruhigt, mit ihnen über Frauen, Bier und Krieg gesprochen – wie jeden Abend. Aber auch mir blieben die Worte auf der Zunge liegen. Jeder von uns hatte es mit eigenen Augen gesehen, und wir alle kannten die Geschichten.
»Vielleicht sollten wir die Beutel packen und verschwinden«, fügte Canis hinzu.
Ich zuckte zusammen. Das war das Letzte, was ich hören wollte. Niemals durfte sich dieser Gedanke in den Köpfen der Dorfbewohner festsetzen.
»Wir können nicht einfach gehen«, sagte ich. »Wo sollen wir wohnen, wo sollen wir arbeiten?«
Canis schaute mich kurz an, dann wich er meinem Blick aus. Er hatte keine Antwort für mich. Stattdessen setzte er sich wieder hin und klammerte sich an seinen Krug.
»Wir sollten zu den Göttern sprechen und ihren Beistand erbitten«, murmelte Tarlow. Es wurde verdammt noch mal Zeit, dass er seinen Mund öffnete.
»Wofür sollen wir beten?«, fragte Canis. »Die Götter haben uns noch nie geholfen.«
»Hör auf, über die Götter zu lästern!«, schimpfte Tarlow mit erhobenem Zeigefinger und gerötetem Gesicht. »Zeig gefälligst mehr Respekt!«
Canis sagte nichts, auch Jack und ich blieben ruhig. Wenn es um die Götter ging, duldete Tarlow keine Widerworte.
»Kaum eine Frau gehabt, schon packt dich der Übermut«, fügte Tarlow brummelnd hinzu.
Doch auch darauf antwortete Canis nicht. Reglos saß er auf seinem Stuhl und starrte durch alles hindurch ins Leere. In welcher Gedankenwelt er sich wieder verloren hatte, vermochte niemand von uns zu sagen.

Der Abend schritt voran, und das Bierfass leerte sich. Wenn der Wind aufjaulte, noch lauter als zuvor, klapperte das Türschild mit wachsender Kraft. Zwischen den Windstößen jedoch war es so leise, dass ich jeden Einzelnen von uns atmen hören konnte. Ich nutzte die Stille und warf einige Walnussschalen in den Kamin. Das Feuer knisterte und sprühte Funken, die sich über den Boden verteilten. Ich sah ihnen zu, wie sie dort glühten, bis einer nach dem anderen erlosch.
Plötzlich durchbrach etwas die Stille. Von draußen drangen ungewohnte Geräusche ins Wirtshaus. Ein Pferd scharrte und wieherte. Tarlow und Canis schauten abrupt auf, Jack hatte gerade seinen Krug gehoben und verhielt die Bewegung vor dem Mund. Ich wollte zur Tür rennen und nachsehen, aber ich widerstand dem Drang und blieb wie erstarrt, als hielte mir jemand ein Messer an die Kehle. Wir tauschten Blicke aus, jeder von uns wusste, was das bedeutete: Jemand war in unser Dorf geritten und stand nun direkt vor meinem Wirtshaus! Fremde verirrten sich nur selten in unser Dorf, erst recht nicht mitten in der Nacht. Ich blickte mich um. Hinter der Theke lag ein massives Holzscheit, doch was würde es mir nützen, zückte ein Schurke sein Schwert und hielte es mir an den Hals?
Wir hörten ein dumpfes Geräusch, als wenn jemand von seinem Pferd sprang. Draußen wurde nicht gesprochen, anscheinend hielt sich nur eine einzelne Person vor dem Wirtshaus auf. Jedoch hörten wir auch Metall klingen – kein beruhigendes Geräusch für unbewaffnete Bewohner eines kleinen Dorfes. Wir starrten auf die Tür, und ich merkte, wie mein ganzer Körper verkrampfte, vom Kopf bis zu den Fußzehen.
Eine Weile hörte ich nichts; der Fremde band wohl sein Pferd an, danach öffnete sich endlich die Tür. Im selben Moment fegte ein heftiger Windstoß durchs Dorf und blies einen Schwall kalte Luft herein. Die Umrisse einer Person zeigten sich in der Tür. Ich kniff die Augen zusammen, konnte aber gegen die Dunkelheit nichts erkennen.
Der Fremde trat mit schwerem Tritt seiner schwarzen Stiefel ein. Er trug einen schwarzen Mantel, eine Kapuze verhüllte das Gesicht. Als die Falten des Umhangs den Blick auf sein Kettenhemd freigaben, blinkte ein Schwert an seiner Seite auf, mit einer Klinge so lang wie mein Arm. Aber mein Blick blieb nicht auf seiner tödlichen Waffe haften, sondern wanderte zu seinem verhüllten Gesicht. Die Augen waren es, die ich sehen wollte, nicht sein Kettenhemd, nicht sein Schwert und nicht das Wappen auf seinem Mantel.
Als der Fremde einen weiteren Schritt in den Raum trat, fiel die Tür hinter ihm, vom Wind getrieben, mit lautem Knall ins Schloss. Ich wich zurück, auch meine Gäste suchten den Abstand. Der Neuankömmling nahm seine Kapuze ab. Das Gesicht eines jungen Mannes mit blondem Haar und grünen Augen kam zum Vorschein. Ich schaute mir die Augen ganz genau an und konnte nichts Ungewöhnliches erkennen. Ich atmete tief durch. Es mochte töricht sein, die Angst abzulegen, wenn ein Fremder mit Kettenhemd und Schwert eintrat, aber er hatte normale Augen, und nur das schien für mich von Belang zu sein.
Der Blick des Fremden wanderte zunächst zu mir hinter die Theke, danach zum Tisch, an dem meine Gäste saßen. Canis schaute weg, Tarlow und Jack erwiderten vorsichtig den Blick.
»Willkommen in Schwarzbach!«, sagte ich. »Ich bin Kolen, der Wirt. Was kann ich für Euch tun?«
Der Mann zögerte kurz, ging dann in meine Richtung und setzte sich auf einen freien Stuhl in der Nähe der Theke. Bei jedem Schritt klapperte das Schwert an seiner Seite. Er schaute mir in die Augen. »Ein Bier und ein Zimmer für die Nacht!«, sagte er mit fester Stimme. Er zeigte mit seinem Kopf auf den Kessel. »Und etwas von dieser Suppe! Aber nur, wenn sie noch heiß ist.«
Ich erwärmte den Rest Zwiebelbrühe, dazu reichte ich Brot und Bier. Der Fremde aß hastig, schlürfte und rülpste. Während er aß, schaute er sich mehrmals um. Ich hatte das nicht erwartet, aber er spürte wohl, dass etwas nicht stimmte. Ihm war die Stimmung im ›Gerupften Huhn‹ nicht geheuer. Tarlow, Jack und Canis hatten kein Wort gesprochen, seitdem er eingetreten war. Krüge, Schüsseln und ein ungeöffnetes Kartenspiel standen oder lagen unberührt vor ihnen auf dem Tisch.
»Was verschlägt Euch in unser Dorf, Reisender?«, fragte ich den Fremden.
»Bin auf der Durchreise. Will irgendwo anheuern, in Lloyandasburg oder wo auch immer meine Reise mich hinführt. Hauptsache, die Belohnung glänzt und klimpert.«
»Seid Ihr ein Söldner?«
Er nickte, schaute aber nicht hoch und aß weiter.
»Woher stammt Ihr?«
»Aus dem Norden, aus der Nähe von Cantermire.«
Ich merkte auf. »Gibt es Neuigkeiten aus dem Norden? Wie ergeht es Lord Deegan?«
»Sein Sohn hat heimlich ʼne Hure geheiratet.« Er schaute hoch und grinste. In seinen Zähnen klaffte eine große Lücke. »Das Erbe Cantermires kann der Junge jetzt vergessen.«
Mehr erzählte der Fremde nicht, er aß seine Suppe bis zum letzten Tropfen auf. Danach wischte er sich mit der Hand den Mund ab und schaute sich erneut um. Was dachte er? Würde er zum Schwert greifen, jetzt, wo er einen vollen Magen hatte?
»Wo bin ich?«, fragte er. »Dieser Ort ist auf der Karte nicht eingezeichnet.«
»Ihr befindet Euch in Schwarzbach«, sagte ich. »Wir zählen nur zweiundsechzig Einwohner, die wenigsten kennen uns.«
»Wie kann ein solch kleines Dorf überleben?«, fragte er ungläubig.
»Nun, der Boden ist fruchtbar, und der Wald ist reich an Wild und nahrhaften Früchten. Außerdem hilft hier jeder jedem. Hat der Bauer zu viel Arbeit, nimmt der Schneider einen Pflug in die Hand. Ist die Handwerkerin überfordert, greift der Wirt sich einen Hammer.«
»Und wenn Ihr angegriffen werdet?«
Ich schaute kurz zu den anderen herüber, keiner schaute zurück. »Im Ort leben einige ehemalige Ritter«, sagte ich. Eine Lüge. Bei uns lebte nur ein einziger ehemaliger Ritter. Zwar konnte dieser es mit drei Soldaten gleichzeitig aufnehmen, aber ein bewaffneter Fremder musste nicht alles über unser Dorf wissen.
»Vor Schwarzer Magie kann uns auch kein Ritter schützen«, sagte Tarlow. Es waren seine ersten Worte, seit der Fremde angekommen war.
Der Krieger hob seine Augenbrauen und schaute Tarlow an. »Schwarze Magie?«
Ich versuchte, Tarlows Blick zu fangen, wollte ihm andeuten, nichts zu sagen, doch Tarlow bemerkte mich nicht.
»Sprecht, ist Euch etwas Ungewöhnliches aufgefallen, als Ihr in unser Dorf gekommen seid?«, fragte er den Fremden.
Der nickte. »Nun, ein wildes Pack Wölfe hat mich angegriffen. Das ist ungewöhnlich, Wölfe scheuen vor Menschen. Musste sie mit dem Schwert vertreiben.«
»Das Rudel kennen wir«, sagte Jack. »Sie schleichen nachts durch den Wald, inzwischen sogar auch in unser Dorf hinein. Sie wollen sich unsere Vorräte krallen.«
»Zurzeit laufen weniger Beutetiere als sonst im Wald herum«, erklärte ich. »Die Wölfe sind hungrig, und das macht sie mutig. Das ist alles andere als ungewöhnlich.«
Der Fremde zog die Augenbrauen zusammen. »Ihr habt von Schwarzer Magie gesprochen.«
Ich schaute Tarlow an. Dachte er ähnlich wie Canis, dass es besser wäre, Schwarzbach zu verlassen? Dachten alle Dorfbewohner wie Canis? Kurz stellte ich mir vor, wie sie sich ängstlich in ihren Häusern verkrochen, und zuckte zusammen. Das durfte ich nicht zulassen. Es gehörte zu meinen Pflichten, die Menschen zu beruhigen, und vor dieser Verantwortung durfte ich mich nicht verstecken. »Keine dunklen Mächte peinigen unser Dorf«, sagte ich so langsam und ruhig ich konnte.
Tarlow schüttelte den Kopf. »Canis hat recht«, sagte er zu mir, »du kannst nicht Geist und Augen täuschen.«
Hatte Canis wirklich recht? Ich wollte und konnte das nicht glauben.
»Ich erzähle Euch gerne, was vorgefallen ist«, sagte Tarlow zum Fremden. Er hatte wohl beschlossen, ihn nicht als Bedrohung anzusehen, und das brachte die Plauderlaune in ihm hervor. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wollte nicht über den Vorfall sprechen, wollte ihn ignorieren, ihn mit dem Wind hinfort wehen lassen, ihn für immer aus unseren Köpfen kriegen. Jedes Wort darüber würde die Erinnerung daran stärken und die Ängste der Dorfbewohner schüren. Wieder deutete ich Tarlow an, den Mund zu halten, doch entweder bemerkte er mich nicht, oder er wollte mich nicht bemerken.
»Gewiss doch«, sagte der Fremde.
»Ihr könnt mir glauben, ich rede nicht mit verlogener Zunge«, versicherte Tarlow.
Der Fremde lachte. »Das werde ich erst danach beurteilen. Und nun erzählt, ich liebe unterhaltsame Geschichten.«
»Unterhaltsam?«, fragte Tarlow und schnaubte. »Das ist sie mitnichten.«

Leseprobe: Kapitel 2 (Salya) - Eine junge Frau und ihre Krankheit
Was war das für ein Kreis? Er schwebte über meinem Bett und erleuchtete den Raum, stärker als jede Lampe. Welch prächtiger Anblick! Er strahlte mir ins Gesicht, und in den Wangen verspürte ich ein angenehmes Kribbeln.
Doch dann kam jemand zur Tür herein, und der Kreis flog langsam durch das Fenster hinfort. Wo wollte er hin? Mit dem Kreis verschwand auch das Licht. Jetzt war es dunkel im Zimmer, und ich erkannte nur die Umrisse der Person, die mein Zimmer betreten hatte. Ein wandelnder Schatten, er kam näher und trat an mein Bett heran.
Vater? Was machst du hier?
Der Schatten beugte sich über mich.
Es ist mitten in der Nacht, Vater!
Der Geruch von Bier stieg in meine Nase. Ein abscheulicher Geruch! Ich wollte hinaus, wollte dem schönen Kreis folgen und nicht hier im kalten, finsteren Zimmer bleiben, doch ich konnte mich nicht rühren. Der Schatten stand wortlos vor mir, bis er plötzlich seine Hand hob und mir ins Gesicht schlug. Erst mit der Innenseite, dann mit der Außenseite.
Hör auf damit!
Ich sah zur Seite. Meine Mutter war plötzlich im Zimmer, sie saß auf ihrem Lieblingsstuhl, wippte vor und zurück und blickte mich mit strengem Gesicht an.
Warum guckst du so, Mutter?
Sie antwortete nicht. Der Schatten schlug erneut zu. Es knallte, meine Wange schmerzte, ich versuchte zu schreien, doch meine Stimme erstarb in meiner Kehle. Ich wollte meine Arme heben und das Gesicht schützen, wollte meine Knie anziehen, wollte mich den Schlägen entwinden, aber mein Körper gehorchte mir nicht.
Mutter, warum hilfst du mir nicht?
Alles versagte, meine Stimme, meine Arme, meine Beine. So sehr ich es versuchte, ich brachte nicht mehr als ein schwaches Pusten hervor. Der Schatten schlug weiter zu, die Hände schmetterten gegen meine Wangen, und ich sank wehrlos vor ihm in die Tiefe, ohne Hoffnung auf Hilfe oder Erbarmen.

***

Ich erwachte mit einem lauten Schrei. Verwirrt schaute ich mich um. Ich war in meinem Bett, niemand sonst war in meinem Zimmer. Stirn und Rücken waren nass vor Schweiß, und mein Herz donnerte, als tobte ein Sturm in mir. Es war der übliche Traum.
Draußen war es bereits hell. Ich stand auf, zog mich an und ging aus dem Haus. Mein Blick schweifte über das Dorf. Keine aufgebrachten Menschen, keine hektischen Bewegungen. Erlebten wir heute endlich wieder einen normalen Tag? Ich wagte kaum, in Richtung des Waldes zu gehen. Sie könnte immer noch dort sein, könnte gar auf mich lauern. Wer wusste schon, wozu sie imstande war? Langsam und tief atmete ich ein und wieder aus, dann ermahnte ich mich, kein feiges Kind zu sein, und ging los. Vor dem Waldrand hielt ich an und blickte mich abermals in alle Richtungen um. Nichts Verdächtiges zu sehen. Ich zwang mich, einen Fuß vor den anderen zu setzen, und ging in den Wald. Kaum den ersten Baum passiert, beschleunigte ich meinen Schritt, bis ich beinahe rannte.
Am Schwarzbach fand ich meine Mutter. Zusammen mit anderen Frauen wusch sie Gewänder. Ich versteckte mich hinter einem Baum, denn ich wollte ganz sicher nicht zu ihr. Sie würde mich anmeckern und mich vor den anderen demütigen – wie immer eben. Lieber würde ich durch den Wald spazieren, Lieder summen und Tiere beobachten. Aber ich konnte mich nicht schon wieder drücken. Wie eine Maus kroch ich hinter dem Baum hervor und ging langsam auf meine Mutter zu. »Guten Morgen, Mutter!«, sagte ich.
Sie schaute nur kurz auf, danach konzentrierte sie sich wieder auf ihre Arbeit. »Morgen nennst du das?«
»Wie kann ich helfen?«
»Gar nicht, wir sind fast fertig«, sagte sie, ihre Stimme so bissig wie ein Hund.
Ich verschränkte die Arme. »Du hättest mich wecken können!«
»Richte dich nach der Sonne, dann verschläfst du nicht jeden Tag.«
»Ich kann nichts dafür, dass ich so lange schlafe!«
Eadlyn, eine der anderen Frauen, schüttelte ihren Kopf und seufzte. Diese dumme Gans dachte wohl, ich sehe das nicht!
»In deiner Welt sind immer andere schuld«, sagte meine Mutter. Wenigstens schaute sie jetzt zu mir auf.
Ich biss mir auf die Unterlippe. Wie gerne hätte ich ihr meine Meinung ins Gesicht geschrien, aber ich behielt sie lieber für mich. Ich wollte nicht schon wieder streiten. »Sag mir einfach, was ich tun soll!«
Sie rollte mit den Augen. »Kannst du nicht für dich selbst denken?«
»Aber ich …«
»Soll ich dir auch deinen Brei in den Mund stopfen wie einem Kleinkind?«
»Dann hättest wenigstens du deinen Spaß!«
Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. »Du freche Göre! Dein Vater hätte dich viel öfter schlagen sollen, dann hättest du vielleicht ein wenig Respekt gelernt!«
Ich spürte Tränen in den Augen, doch ich hielt sie zurück. Diesen Gefallen würde ich meiner Mutter nicht tun. »Sag mir doch einfach, was ich tun soll!«
»Geh zu Greta und ernte Kartoffeln!«, sagte sie und zeigte mit der Hand in Richtung von Gretas Haus. »Und bereite das Abendessen zu! Hauptsache, ich muss dich hier nicht mehr sehen.«
Innerlich dankte ich ihr. Beim Gedanken daran, mit meiner Mutter und den anderen Frauen zu arbeiten, schmerzte jeder Teil meines Kopfes. Lieber putzte ich Nachttöpfe! Während der Kartoffelernte jedoch würde ich allein sein – keine Befehle, kein Meckern, keine Beleidigungen.

***

Greta kniete auf dem Boden in ihrem Duftgarten und jätete Unkraut. Selten sah ich sie an einem anderen Ort; ihr Duftgarten war ihr Leben. Tagein, tagaus war sie über ihre geliebten Pflanzen gebeugt, mit einem Buckel, der jeden Tag krummer zu werden schien.
»Meine Mutter schickt mich«, sagte ich zu ihr. »Ich soll Kartoffeln ernten.«
Wie immer blieb Gretas Blick auf dem Boden haften. »Unkraut sprießt wie Tomalusʼ Bart«, murmelte sie. »Wie die Pest bringt es nichts als Tod und Verderben. Eine Sichel für das Unheil!«
Sprach sie mit mir, sprach sie mit sich selbst? Und vor allem: Was sollte ich dazu sagen?
»Eine meuchelnde Plage«, fuhr sie fort, und plötzlich wurde sie laut: »Es überwuchert meine Kräuterlein!«
»Ich sehe es«, sagte ich in der Hoffnung, sie würde sich mit dieser Aussage zufriedengeben.
Doch sie sprach unbekümmert weiter in Richtung ihrer Pflanzen. Hatte sie überhaupt eine Antwort erwartet? Als sie kurz den Mund schloss, nutzte ich die Gelegenheit und huschte rüber zu den Kartoffeln.

Während der Kartoffelernte kam Kolen vorbei und unterhielt sich mit Greta – zumindest versuchte er es. Er erzählte von einem Söldner, der vergangene Nacht in unser Dorf gekommen war und in seinem Wirtshaus übernachtet hatte. Der Mann war allerdings harmlos. Sie hatten ihm von den schrecklichen Ereignissen in unserem Dorf berichtet, und er hatte schon am frühen Morgen den Beutel gepackt. Schade, denn ich fand Fremde immer sehr interessant, aber wenn er schon wieder weg war, konnte er uns keine Geschichten von der weiten Welt erzählen, die mich die langweilige und anstrengende Arbeit vorübergehend vergessen lassen konnten.
Als mein Rücken anfing zu schmerzen, gönnte ich mir eine Pause. Ich verließ den Duftgarten und ging zu meinem Lieblingsplatz, einem Baumstumpf am Waldrand in der Nähe unseres Hauses. Er war umringt von einigen dicken Bäumen, die stolz in die Höhe ragten und die Sicht auf den Stumpf verdeckten. Nur wenn man wusste, dass ich hier saß, konnte man mich erkennen. Ich dagegen hatte von hier aus eine gute Aussicht auf große Teile des Dorfes.
Ich schaute und lauschte in den Wald hinein. Als ich mir sicher war, dass sich niemand in meiner Nähe aufhielt, setzte ich mich hin und beobachtete das Treiben im Dorf. Die Dorfbewohner bereiteten das Lagerfeuer und das Spiel Infernale vor. Es war eine Tradition Schwarzbachs, jede Jahreszeit an einem Abend das tolle Spiel mit dem Feuer zu veranstalten. Nach den Ereignissen der vergangenen Tage hätte ich nicht gedacht, dass das Fest stattfinden würde, aber vermutlich würde es guttun, wenn wir uns ablenkten.
Die kleinen Kinder rannten durch die Gegend, brüllten sich gegenseitig an und rauften sich, wenn ein Zwist nicht anders zu lösen war. Die Erwachsenen verhielten sich weitaus ruhiger. Sie sprachen während des Aufbaus des Holzstoßes kaum miteinander, jeder schien in seiner eigenen Welt versunken zu sein. Carl besorgte das Holz; beim Gehen drehte er sich mehrfach nach allen Seiten um. Der alte Kenzie schleppte die Feuersteine, die sie für das Spiel brauchten, danach verzog er sich in sein Haus. Schließlich waren sie fertig. Die größeren Kinder durften nun versuchen, das Feuer zu entfachen. Später kam Kolen an der großen Feuerstelle vorbei und gab den Kindern Anweisungen. Typisch Kolen – warum ließ er sie das nicht allein versuchen?
Nach anfangs vergeblichen Versuchen schossen die Flammen hoch in den Himmel und tanzten mit dem Wind. Ein Genuss für meine Augen! Ich liebte das Feuer, es war voller Geheimnisse. Ein Kind wollte die Feuersteine testen und warf sie in den Glutherd. Das Feuer knisterte und verfärbte sich, am Boden leuchtete es türkis, nach oben hin ging es allmählich in Lila über. Die bunten Farben zierten den tristen, grauen Himmel wie ein schönes Bild eine hässliche Wand. Wie ich mich auf das Fest am Abend freute! Hoffentlich würde es nur nicht schon wieder regnen.

***

Je länger ich das Feuer beobachtete, desto tiefer tauchte ich in meine Gedankenwelt ein. Erst als es dunkel wurde, ermahnte mich eine innere Stimme und holte mich brutal zurück in die Wirklichkeit. Ich hatte viel zu lange Pause gemacht! Der Sack war nicht einmal zur Hälfte mit Kartoffeln gefüllt, und ich musste noch kochen. Mutter würde wütend sein!
Ich rannte zurück zu unserem Haus. Die Lampen im Inneren brannten, und ich sah meine Mutter in der Küche arbeiten. Sie war schon nach Hause gekommen. Verdammt sei ich!
Ins Haus gehen konnte ich nicht. Sie würde sehen, wie wenig Kartoffeln ich geerntet hatte, und mich als faul beschimpfen. Welche Wörter würden diesmal fallen? Nutzlos? Schande? Enttäuschung? Und selbst wenn ich gekocht hätte, würde sie das Essen als fad und mich als zu dumm zum Kochen bezeichnen.
Ich ging zurück zu meinem Lieblingsplatz und holte mein Messer aus der Tasche. Es war ein kleines Messer mit einer Klinge fast so lang wie meine Hand. Warum hatte ich es überhaupt mitgenommen? In den Griff war ein Pilz mit Gesicht eingeritzt. Der Pilz lächelte. Er lächelte immerzu. Er schien glücklich zu sein auf dem Griff des Messers.
Ich versuchte, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Bloß – wie sollte mir das gelingen? Ich biss mir auf die Lippe. Als ich Blut schmeckte, ließ ich von der Lippe ab und presste die Zähne zusammen. Nichts half. Die Stimme meiner Mutter hämmerte mir gegen den Kopf. Ginge ich zu ihr, würde ich ihr ausgeliefert sein, ohne Versteck, ohne Fluchtmöglichkeit. Ich würde mir wieder anhören müssen, ich sei schuld, dass mein Vater uns verlassen hatte. Ich spürte ein flaues Gefühl in der Brust, und mir wurde unerträglich heiß. Schon bald liefen mir Tränen die Wangen hinunter, ich konnte sie einfach nicht aufhalten.
Wieso weinst du?
Ich sprach zu mir, als wäre ich eine Außenstehende. Wie ein Vogel, der mich beobachtete und über mich urteilte.
Du hast keinen Grund zu weinen. Es ist nichts Schlimmes passiert, und mehr schimpfen als sonst wird Mutter auch nicht.
Mein Geist hatte meinen Körper nicht unter Kontrolle, meine Stimme vermochte mir nichts zu sagen. Ich sah mir dabei zu, wie ich das Messer nahm und die Spitze der Klinge an meinen Unterarm hielt.
Lass es, es wird dir nicht helfen!
Ich drückte zu. Die ersten Blutstropfen kamen zum Vorschein und zeigten sich in einem schönen, dunklen Rot. Ich spürte keinen Schmerz. Ich drückte fester zu und führte die Klinge meinen Arm entlang. Jetzt spürte ich auch sanfte Schmerzen. Die Klinge hinterließ einen Pfad aus Blut, es trat langsam aus der Wunde aus und lief in verschiedenen Bahnen den Arm entlang. Danach tropfte es langsam auf die Wiese. Ein schönes Schauspiel, ich sollte es auf einem Bild festhalten.
Was sagst du dazu, kleiner Pilz?
Er sagte nichts, aber er lächelte immer noch.
Wie glücklich du bist! Ich möchte auch glücklich sein.

 

Kurzgeschichten

Wo ein Wille, da ein Dolch

Treulose SeelenDiese Geschichte ist Teil der kostenlosen Anthologie “Treulose Seelen”!

Verrat trägt vielerlei Gewänder. Ob er, gekleidet in Freundschaft, dem Nächsten in den Rücken fällt oder mit dem Schleier der Liebe das Herz betrügt. Eines ist dem gemein: Es sind treulose Seelen, die sich dieser Maskierung bedienen. Aus Furcht, Eigennutz oder Rachsucht – das ist die Frage.
14 Autorinnen und Autoren haben sich diesem vielschichtigen Thema gewidmet und ihre ganz eigene Interpretation dazu niedergeschrieben. Ob düster, zauberisch oder verträumt – für jedes (verräterische) Herz ist in dieser Anthologie etwas dabei.

Zu meiner Geschichte:
Die junge Fayne muss sich vor der Justiz des Königs verantworten. Hochverrat lautet die Anklage. Am Anfang der Gerichtsverhandlung zeigt sie sich kämpferisch, muss jedoch schnell lernen, dass hier noch ein ganz anderes Spiel gespielt wird. Und mitten drin, zwischen Intrigen und Treuebekenntnissen, befindet sich Prinz Joaquin, Thronfolger und gleichzeitig bester Freund der Angeklagten …

 

Hier findet ihr noch eine Auswahl meiner schon etwas älteren Geschichten. Seht es mir nach, wenn sie noch nicht ganz so ausgereift sind 🙂

Drachenhohn und Schmetterlingsstaub - ein Märchen

Liyu war ein prächtiges Tier, mit türkisfarbenem Körper und rot-violetten Flügeln. Doch war er zu klein, um als Drache angesehen zu werden.
„Kleiner Wicht“, nannte ihn der große, rote Drache. „Du bist bloß ein Schmetterling – nichts weiter. Geh hinfort und belästige uns nicht länger.“
Voller Scham blickte Liyu zu Boden, als sein Körper plötzlich glitzernden Staub in die Luft sprühte.
Ein Jammer, dachte er sich. Immer wenn ich traurig oder wütend bin, kommt dieser seltsame Staub.
„Seht her!“, rief der Drache zu seinen Freunden. „Schmetterlingsstaub – Ein Drache ist er wahrlich nicht, doch mit dem Staub kann er immerhin den Kratzer eines Menschen heilen.“
Da lachten die Drachen herzhaft. Lange konnte Liyu diesen Hohn nicht ertragen, und so schwirrte er mit gesenktem Kopf von dannen. Er probierte es nun bei den Gründrachen auf der anderen Seite des Berges. Diese waren eine kleinere Drachenspezies, doch nicht minder gemein.
„Ein Drache willst du sein?“, fragte ihr Anführer. „Dafür bist du viel zu klein.“
„Sehr wohl bin ich einer!“, fiepste Liyu.
„Nun denn“, sprach der Drache. „Beweise es uns und spei Feuer!“
Liyu atmete tief ein, dann blies er mit aller Kraft aus: „Chuuuuu …!“
Doch so sehr er sich anstrengte, aus dem Mund drang nur ein sanftes Ächzen und aus dem Körper eine Wolke Glitzerstaub.
„Ein Schmetterling bist du, so leugne es nicht“, verkündete der Drache. „Feuer wirst du niemals speien. Doch lass dich nicht hängen: Die Kopfschmerzen eines Menschen kannst du mit dem Staub allemal lindern.“
Daraufhin lachte er hämisch und die anderen Drachen mit ihm. Liyu flog schnell davon, doch ihr erschütterndes Lachen konnte er auch in weiter Entfernung immer noch hören.
Das traurige Tier gab seinen Plan auf, von den Drachen aufgenommen zu werden. Mit seinem kleinen Körper würden ihn die anderen niemals akzeptieren. Er flatterte ziellos umher, über Wald und Wiese, über Fluss und Felder. Schließlich kam er an einem kleinen Dorf vorbei, wo er das Wimmern eines kleinen Jungen vernahm. Der Junge lag in einem Bett unter freiem Himmel, das Gesicht blass, die Stirn verschwitzt.
„Was ist los?“, fragte Liyu die Mutter des Kindes.
„Oh weh, liebes Tierchen“, sprach diese, „für den kleinen Gustav sieht es gar nicht gut aus. Er hat Fieber, und der Doktor sagt, es werde immer schlimmer. Weder Kraut noch Trank vermögen ihn zu heilen.“
Es machte Liyu traurig zu sehen, wie Gustav kraftlos und ohne Ausdruck im Gesicht in den Himmel blickte. Da strömte plötzlich glitzernder Staub aus seinem Körper und legte sich über die Haut des Jungen.
„Oh!“ und „Ah!“, machten die umstehenden Menschen, denn das Gesicht des Jungen bekam Farbe, und seine Augen – eben noch gläsern – guckten nun scharf ins Gesicht der Mutter.
„Wo bin ich?“, fragte Gustav.
„Ein Wunder ist geschehen!“, frohlockte die Mutter und schloss ihren Sohn in die Arme. „Der Schmetterling hat Gustav gerettet.“
„Ich bin ein Drache und kein Schmetterling!“, protestierte Liyu.
Da kam der Vater des Jungen zu ihm und sprach: „Sehr wohl bist du ein Schmetterling, und zwar der größte und schönste, den ich je gesehen habe. Und du hast das Leben meines Sohnes gerettet, welcher Drache hätte dies vermocht? Unser Dank sei dir auf ewig gewiss.“
Und so schwirrte Liyu fortan mit stolzem Flügelschlag durch die Lüfte.
Ein Schmetterling bin ich, sagte er zu sich, aber ein Drache möchte ich niemals sein.

Der Wächter der Nacht
(1. Platz beim Rindlerwahn-Schreibwettbewerb - Thema: Ich sehe was, was du nicht siehst)

Ich richtete die Ohren nach vorne und schlich den Flur entlang. Zuerst kontrollierte ich das Badezimmer, danach das Schlafzimmer der Menschen – nichts Ungewöhnliches. Doch dann spürte ich sie wieder, eine eiskalte Brise, die durch den Flur wehte. Ich spreizte meine Schnurrbarthaare, um die Quelle ausfindig zu machen – sie kam aus dem Kinderzimmer. Vorsichtig lugte ich durch den Türspalt. Laras Kuscheltiere lagen kreisförmig um das Babybett herum und bewegten sich. Der Eisbär winkte mit der Tatze und der Affe nickte mit dem Kopf. Das taten sie normalerweise nie. Dann sah ich einen Nebelstreifen, der sich durch das Zimmer schlängelte – ein Geist! Zunächst flog er sehr langsam, wurde aber mit jeder Sekunde schneller. Die Möbel fingen an zu wackeln und klapperten gegen die Dielen. Lara wachte auf und quengelte. Ich musste die Menschen warnen! Ich rannte ins Schlafzimmer, sprang auf ihr Bett und miaute – keine Reaktion! Erst als ich meine Stimme mit voller Kraft zum Beben brachte, schreckte Claudia auf, schubste mich vom Bett runter und brummte: “Hör auf damit, Augustin!”
Typisch, alles musste man selbst machen! Ich rannte zurück ins Kinderzimmer, wo der Geist inzwischen über dem Bett schwirrte. Lara schwebte langsam aus dem Bett heraus nach oben, der Geist schien sie in seine Richtung zu ziehen. Mein Fell sträubte sich, und ich fuhr meine Krallen aus. Dann sprang ich auf das Gitter vom Bett, schlug mit der Pfote nach dem Geist und fauchte ihn an. Der Geist flog davon, ich rannte ihm hinterher, über Spielzeug, Tisch und Stühle hinweg. Ein Stuhl flog bei der Verfolgung um und krachte auf den Boden. Lara fing an zu schreien, und aus dem Nachbarzimmer hörte ich, wie Claudia aufstand. Der Geist flog aus dem Zimmer heraus. Sofort rannte ich hinterher und suchte ihn, doch gerade als ich ihn entdeckte, nahm Claudia mich plötzlich auf den Arm.
“Was machst denn für einen Lärm?”, fragte sie mich. Ich wollte es ihr erklären, doch sie ließ mich nicht antworten. Stattdessen kraulte sie meinen Nacken und redete wirres Zeug: “Aber einem so süßen, kleinen Kater wie dir kann man einfach nicht böse sein!”
Dumm wie ein Hund! Wegen ihr konnte der Geist fliehen. Hatte sie ihn denn nicht gesehen?

Kurze Zeit später klopfte etwas an einem Fenster im unteren Stockwerk. Ich lief herunter und wollte nachsehen, als plötzlich die Tür zum Kinderzimmer mit einem lauten Donnern zufiel. Der Geist hatte mich reingelegt! Ich rannte zur Tür, kratze an ihr und fauchte. Die Kälte, die der Geist ausstrahlte, kroch unter der Tür hervor und klammerte sich an meine Pfoten. Es fühlte sich an, als würde ich durch eine dicke Schneedecke laufen. Die Möbel im Kinderzimmer fingen wieder an zu wackeln, diesmal deutlich stärker. Lara schrie aus der vollen Lunge, ich hörte es sowohl im Kinderzimmer als auch durch das Babyphon im Schlafzimmer. Claudia wachte zum Glück auf und kam herbei. Sie wollte die Tür öffnen, doch sie war abgeschlossen. Sie probierte es weiter und hämmerte gegen die Tür. Panik überkam sie. Sie schrie nach Thomas mit einer Stimme, die vor Angst zitterte. Dann klirrte etwas im Kinderzimmer – das Fenster war zersprungen! Auf Thomas konnten wir nicht warten, also musste ich auf eigene Pfote handeln. Ich rannte nach unten und huschte durch die Katzenklappe hindurch nach draußen in den Garten. Dort sah ich den Geist mitsamt Lara über den Rasen schweben – er wollte sie entführen! Ich legte mein Gewicht auf die Hinterpfoten und sprintete los. Ich sprang auf den Geist zu, konnte ihn mit meinen Krallen aber nicht fassen. Er wirbelte um mich herum, seine Kälte raubte mir den Atem. Ich schlug wild um mich, bis ein Windstoß mich nach hinten blies, und ich mit voller Wucht auf den Rücken fiel. Sofort sprang ich wieder auf, senkte die Ohren seitlich nach hinten und fauchte ihn an. Jetzt ließ er Lara fallen und wich zurück. Ich sprang nochmal auf ihn zu, dann stieg er empor und flog davon. Kurz funkelte er am Himmel wie ein zweiter Mond, bis er schließlich in der Dunkelheit der Nacht verschwand.
Ich ging zu Lara und rieb meine Nase an ihren Kopf. Sie weinte immer noch bitterlich, doch es ging ihr gut. Der Geist wird nie wieder kommen, schwor ich ihr, und schlief seitdem jede Nacht an ihrer Seite.

Der tollkühne Hofnarr
Mein erster Versuch einer Ballade. Stellenweise noch etwas holprig 🙂

“Ein Narr willst du sein, mit Marotte und Schellen?
Bereit, des Königs Humor auf die Probe zu stellen?
Doch hüte dich gar, denn sein Groll ist sehr stark.
Ein falscher Witz, und du landest im Sarg.”

Ich sprach zur Magd: “Hab’ keine Angst,
denn Narren werden stets hofiert.
Auch wenn du noch so hoffst und bangst,
den Narren Freiheit garantiert.”

So begab ich mich auf den Weg zum Schloss,
durch grünes Gefilde, hoch zu Ross.
Frohen Mutes, ich wollt es wagen,
dem König ein kleines Schnippchen schlagen.

“Halt!”, sprach die Wache,
“Ein Narr willst du sein?
Dass ich nicht lache!
Du darfst nicht hinein!
Sag schon, woher das edle Pferd?
Ein Narr nicht viel der Taler wert.
Du bist ein Halunke, ein Gauner, ein Dieb!
Machst weder Witz, Tanz, noch Musik.”

“Doch ganz gewiss, ich bin ein Narr,
der Beste weit und breit.
Heiterkeit versprühe ich, fürwahr,
dein König das zu schätzen weiß.
Du glaubst mir nicht? Ich kann’s dir zeigen,
du wirst dir wohl die Augen reiben!
Seht doch, meine schöne Maske,
wie des Königs fiese Fratze!”

Die Wache konnte es kaum fassen,
und brüllte herzhaft los vor Lachen.
“Liebe Güte, ein Schelm bist du!
Ein kühner Narr mit Scherz im Blut!”

“So geh hinein, versuch dein Glück!
Auf dass der König herzhaft lacht!
Doch einmal drin, gibt’s kein Zurück,
drum wähl’ die Worte mit Bedacht!”

Auf seinem Thron der König saß,
und guckte gar so grimmig drein.
Hat er denn jemals wirklich Spaß?
Ich wusst’, es wird nicht einfach sein.

“Ein Narr willst du sein?”, war seine Frage,
“Narren sind für mich ‘ne Plage.
Aber gut, beeindruck’ mich!
Doch Obacht, übertreib es nicht!”

Ich zog sogleich die Maske an,
band einen Pferdeschwanz heran.
“Seht her, der König ich wohl bin,
mit Zauselbart und Doppelkinn!”
Und einer schiefen Hakennase,
Zähne wie des Bauers Hase.
Um meinen Bauch ein dickes Kissen,
denn die Plauze darf nicht missen.
Seh’ nun aus wie sein Ebenbild,
wie er im Saal ‘ne Rede hält:

“Im Norden wütet der Rebell –
doch was genau geht mich das an?
Ich gehe lieber ins Bordell,
und schaue mir die Weiber an.
Dazu ein Rotwein, fein erlesen,
nüchtern viel zu lang gewesen.
So gebt mir gleich ‘nen Eimer Wein,
und gießt ihn mir den Rachen rein!”

So wie der König, ungesittet,
die Hälfte Wein hab’ ich verschüttet.
Es lief mir runter die Klamotten,
entlang die Hose in die Socken.
Dann rülpste ich, so laut ich konnt’:
“Ich bin der König! Wohl bekommt’s!”

Der König war ganz außer sich:
“Hör sofort auf, du Taugenichts!
Was glaubst du, wer du bist, du Wicht?
Verspottest und beleidigst mich!”

Er tobte durch den ganzen Saal,
und wütete wie ein Berserker.
“Wachen, schnappt mir diesen Narr
und schmeißt ihn in den tiefsten Kerker!”

Nun muss ich hier mein Dasein fristen,
lieg’ am Boden, ganz verstört.
Das hab’ ich nun von meinen Witzen,
hätt’ ich bloß auf die Leut’ gehört.

Gemeinsame Flucht

Der Kaiser hob seinen Kelch und rieb sich mit der anderen Hand seinen kugelrunden Bauch. „Hoho, seht nur, der Koloss betritt die Arena! Endlich sehen wir Blut fließen.“
Caius schaute ihn fordernd an. „Fünf Denare auf seinen Gegner!“
Der Kaiser konnte darüber nur lachen. „Ach Caius, du Dummkopf, bisher hat der Koloss noch jedem Mann seine Klinge ins Fleisch gerammt. Und schau dir seinen Gegner an: Ein kleiner Wicht, dürr wie eine Ähre! Möge der Koloss ihm seine dünnen Ärmchen abschlagen und den Kopf gleich mit, jawohl!“
Die beiden Gladiatoren stellten sich gegenüber auf. Fanfaren und Pauken dröhnten durch das Kolosseum. Voller Vorfreude jubelten und grölten die Zuschauer, der Kaiser am lautesten von allen. Der Koloss überragte seinen Gegner um eine Kopflänge, seine Arme waren so breit wie anderer Menschen Beine und sein Schwert so lang, dass Caius es vermutlich kaum heben könnte. Dann ging der Kampf los. Doch welch Enttäuschung sich der Menge bot: Nur halbherzig schlugen die Kontrahenten zu, es war ein langsamer und langweiliger Kampf, keiner schien gewinnen zu wollen. Wie konnte der Ruhm für einen so glorreichen Kampf nicht Ansporn genug sein? Die Zuschauer fingen an zu murmeln und zu buhen.
„Kämpft, ihr nutzlosen Barbaren!“, brüllte der Kaiser.
Doch die Gladiatoren bewegten sich weiterhin langsamer als der Kaiser in der Therme. Vor dem Eingangstor – ein mächtiges Tor aus Eisen – blieben sie dann sogar gänzlich stehen. Die Zuschauer motzten und fluchten kräftig von den Rängen. Plötzlich flog das Eingangstor unter lautem Donnern auf. Das durfte während des Kampfes nicht passieren! Ohne zu zögern rannten die beiden Gladiatoren gemeinsam durch den geöffneten Eingang.
„Beim Jupiter, was ist hier los?“, brüllte der Kaiser mit hochrotem Kopf und schmiss den Kelch auf den Boden.
Einer seiner Berater eilte herbei und klärte ihn auf: „Welch Unheil! Die Gladiatoren sind aus der Schule ausgebrochen und haben die Tore des Kolosseums gestürmt!“
Der Kaiser wandte sich an Caius und zeigte wild fuchtelnd mit seiner Hand in Richtung Eingangstor. „Starr mich nicht so an, du Taugenichts, sondern bring das in Ordnung!“
Caius rannte die Stufen empor und blickte vom Rand des Kolosseums auf das Geschehen vor den Toren hinab. Wahrhaftig! Die Gladiatorenschüler waren frei und tummelten sich auf dem Feld. Den Koloss erkannte er sofort, auch aus der Ferne stach der Hüne aus der Masse hervor. Eine Wache des Kaisers stellte ihm in den Weg. Der Koloss zückte sein Schwert und schlug auf den Angreifer ein. Zwei Hiebe konnte dieser parieren, beim dritten riss er den Schild nicht rechtzeitig hoch, und das Schwert schmetterte mit voller Wucht auf die Schulter. Blut spritzte aus der Wunde, und die Wache ließ ihr Schwert fallen und sackte auf die Knie. Der Koloss riss sein Schwert in die Luft und brüllte zu den anderen Gladiatoren: „Meine Brüder, wir sind frei! Hinter uns lauert die Sklaverei, doch lasset uns nie wieder umdrehen! Richtet euren Blick nach vorne, denn dort erwartet uns die Freiheit!“
Seine Stimme ertönte so laut und durchdringend, dass Caius selbst oben auf dem Kolosseum jedes Wort verstand. Die anderen Gladiatoren jubelten und brüllten aus voller Kehle, dann stürmten sie in einem dichten, kaum zu überblickenden Gewusel los. Sie flohen gen Westen, und eine Staubwolke kroch aus dem Boden hervor und legte sich über das Getümmel. Hinter Caius tobte der Kaiser wie ein ausgehungertes Raubtier und schrie nach seiner Legion. Caius wagte nicht, sich zu ihm umzudrehen. Stattdessen starrte er weiter fassungslos auf die Katastrophe, für die man Rom sicher noch über Generationen hinweg verhöhnen würde. Inzwischen hatte ein Wahnsinniger gar die Tiere freigelassen. Ein Bär bäumte sich auf, Elefanten trampelten über Mensch und Tier hinweg, und Löwen preschten in alle Richtungen über das Feld.