PenNeulich wurde in der Facebook-Gruppe Nächtliche Schreibwerkstatt folgender Abschnitt von Denise Andersen diskutiert:

Ob ich mir wohl alle Knochen brechen würde, wenn ich hier hinunter fiel? Die Vorstellung, plötzlich unten am Boden zu liegen, mir alles gebrochen zu haben, überall Blut vorzufinden, war schrecklich.

Die Frage war: Ist diese Konstruktion „Die Vorstellung … ist schrecklich“ überhaupt nötig? Braucht man das Wort „Vorstellung“, wenn klar ist, dass es sich hierbei nur um einen Gedanken handelt? Und braucht man das Wort „schrecklich“, wenn der Gedanke doch für jeden Leser offensichtlich schrecklich ist?

Sie hat es nun ohne die Konstruktion geschrieben, das sah dann folgendermaßen aus:

Ich könnte plötzlich unten auf der Erde liegen und mir alles gebrochen haben. Ich würde hilflos im eigenen Blut liegen.

Einwand: Zu viele Hilfsverben! Klingt vernünftig und könnte man z.B. so umgehen:

Ich könnte plötzlich hilflos im eigenen Blut liegen und mir alles gebrochen haben.

Das ist natürlich schon arg gekürzt und nicht jedermanns Geschmack. Eine weitere Option – nun wieder mit der Konstruktion – wäre:

Welch schreckliche Vorstellung, sich alle Knochen zu brechen und hilflos im eigenen Blut zu liegen!
Einflussfaktoren

Nun haben wir erstmal 4 Versionen, bloß welche davon ist die beste? Die Antwort darauf ist ein eindeutiges: Kommt drauf an! Mir sind mehrere Faktoren eingefallen, die dabei eine Rolle spielen könnten:

  1. Kontext: Auf der Flucht am Rande einer Schlucht ist wahrlich ein anderes Setting als Tagträumen, während man aus einem geschlossenen Fenster guckt.
  2. Aus dem Kontext ergibt sich die Atmosphäre. Ist sie angespannt oder hektisch? Ist sie romantisch? (Wohl eher nicht) Ängstlich? Gefühlvoll?
  3. Erzählrhythmus: Dieser kann natürlich eng mit Kontext und Atmosphäre zusammenhängen, muss er aber nicht. Manchmal hält ein Autor kurze, handlungsstarke Sätze für angemessen, manchmal ausschweifende Sätze im Erzählstil, ausgeschmückt mit vielen Nebensätzen.
  4. Es kommt nicht nur auf den Inhalt an, sondern auch auf die Autorin und ihren Stil. Sätze können sich unauthentisch anfühlen, wenn sie sich stilistisch vom Rest unterscheiden. Wie ein ungebetener Fremdkörper. Aber Achtung: Sie können natürlich auch für gelungene Abwechslung sorgen.
Und nun?

Auch jetzt kann ich nicht sagen, welche Version die Beste ist. Das ist Geschmackssache, und ein Richtig oder ein Falsch gibt es sowieso nicht. Damit gilt letztendlich Punkt 5.

  1. Nach dem Gehör. Du kannst so theoretisch wie möglich an die Sache herangehen, wenn es sich schlecht anhört, ist es schlecht. Lies den ganzen Absatz und geh nach deinem Bauchgefühl. Oder – was meistens die bessere Wahl ist – lass den Abschnitt von anderen lesen und vertraue auf deren Bauchgefühl (oder auf deren Bauchschmerzen).
Viel Schreiben ist das A und O. Aber ein wenig Theorie schadet nie.
Bist du letztendlich nach Gefühl gegangen, kannst du dich danach fragen, warum es ausgerechnet diese Variante geworden ist. Schau dir die 4 Aspekte an und vielleicht erkennst du einen Zusammenhang. Wenn ja, hast du soeben einen wichtigen Lernfortschritt gemacht. Meiner Meinung nach ist dies nämlich der effektivste Weg, sein Schreiben zu verbessern:
Üben, üben, üben – mit einer Prise Theorie von Zeit zu Zeit.