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Dark Fantasy – Was ist das?

Dark Fantasy Dämon

In den 90er Jahren wurde ein neues Genre ins Leben gerufen: Dark Fantasy. Damals stand es jedoch nicht für eine neue Art von Geschichten, sondern diente bloß als Name einer Marketing-Strategie. Der Markt wurde zu der Zeit dank eines Booms mit schlechten Horrorbüchern überschwemmt, und um sich davon abzugrenzen, ist man auf den Fantasy-Zug aufgesprungen. Fantasy lief super, also hat man das Genre missbraucht, um Horror-Geschichten ein neues Gewand zu verpassen (Lucy Snyder).

Inzwischen hat sich Dark Fantasy als eigenes Genre etabliert. Die meisten deutschen Fantasy-Verlage führen auf ihrer Website die entsprechende Kategorie, manche haben sich sogar auf das Genre spezialisiert. Und in der Buchbranche kann jeder etwas mit diesem Begriff anfangen.

Doch fragst du fünf Personen nach einer Definition, kriegst du zehn unterschiedliche Antworten. Oder sie sind so vage formuliert, dass die Personen selbst merken, dass sie eigentlich keine Ahnung haben und nur nach Bauchgefühl antworten. Auch im Internet gibt es viele Ansätze, doch die sind oft konfus und widersprüchlich. Wie also können wir Dark Fantasy definieren? Wie unterscheidet es sich von verwandten Genres? Ich wollte das unbedingt herausarbeiten, daher habe ich tief geschürft, habe viele deutsche und englische Quellen herangezogen. Ich wollte wissen: Gibt es Parallelen unter den vielen Erklärungsversuchen, sodass ich daraus eine allgemeine Definition stricken kann? Und macht das überhaupt Sinn? Oder steckt hinter dem Begriff immer  noch Marketing?
Lasst euch in die Welt der düsteren Phantastik entführen und findet es heraus!

Dark Fantasy Definition

Eins vorweg: Es gibt keine klare und saubere Definition von Dark Fantasy. Jeder versteht unter diesem Begriff etwas anderes, jeder setzt seine eigenen Schwerpunkte. Widersprüche, wohin man schaut. Von daher kann ich euch nicht einfach einfach einen Zweizeiler präsentieren, à la Wikipedia. Stattdessen habe ich mir angeschaut, welche Kriterien im Internet gerne benutzt werden, und habe sie allesamt auseinander genommen.
Mein Ergebnis (also meine persönliche Definition) findet ihr dann im Fazit.

Dass in Deutschland noch nicht viel über die Definition von Dark Fantasy gesprochen worden ist, zeigt allein schon der Umstand, dass es keinen eigenen Wikipedia-Eintrag gibt. Lediglich im Artikel zu Fantasy wird es als Subgenre aufgelistet. Dort steht, dass es Ähnlichkeiten zum Horror-Genre hat und die Welt mitunter düster und unheimlich ist. Sehr substanziell ist das nicht. Aber das ist der Ansatz, der am häufigsten gegangen wird.
Demnach sei Dark Fantasy …

  • … eine Mischung aus Horror und Fantasy (Churke, Uproxx).
  • … Fantasy mit Horror-Elementen (engl. Wikipedia, Soupforbrunch).
  • … Fantasy, die bloß etwas dunkler ist (UnsealedMTG). Zwar hört sich das schwammig an, hat aber deutlich mehr Berechtigung, als es den Anschein hat, wie wir später noch sehen werden.
  • … Horror, der in einer Fantasy-Welt spielt (audible magazin). Und nach Goodreads wird Dark Fantasy oft als Synonym für übernatürlichen Horror benutzt. Diese beiden Varianten halte ich übrigens für falsch, aber dazu komme ich später noch.

Diese Aufzählung ist Erbsenzählerei? Mag sein. Ist doch alles mehr oder weniger dasselbe? Nein, zwischen diesen Varianten gibt es deutliche Unterschiede. Eins jedenfalls scheint klar: Dark Fantasy und Horror sind miteinander verwandt, weshalb es wichtig ist, diese beiden Genres voneinander abzugrenzen. Dies habe ich in Abschnitt Dark Fantasy vs Horror getan.

Halloween Horror Dark Fantasy

Thematik

Eines scheint zumindest schon mal klar: Wir haben es mit düsterer, schockierender Fantasy zu tun. Nach C.S. Friedman mit dem Gegenteil der klassischen heroischen Fantasy (bei der die Guten das Böse bezwingen und alle am Ende glücklich sind). Mit den üblichen Fantasy-Tropes wird gebrochen (TVTropes) und die Natur des Bösen und die dunklen Seiten der Menschheit thematisiert (Lucy Snyder).
eclipse führt aus: Dark Fantasy »sollte realistischer, düsterer gestaltet sein. Kaputte Liebesbeziehungen, kaputte Helden, kaputte Moral, kaputte Welten.«
Auf die Welt und die Protagonisten gehe ich in den jeweiligen Kapiteln gesondert ein.

Für bestandfantasybooks ist Gewalt ein Muss. Für TV Tropes (1, 2) gehören sogar Folter, Vergewaltigung und Sklaverei mehr oder weniger dazu. Ich denke, das muss nicht sein. Klar, gewisse Formen von Gewalt sind meistens zu finden, aber Geschichten können auch düster und verstörend sein, ohne explizite Gewalt zu beinhalten. Und nicht alles Grausame muss zwingend thematisiert werden.

Das Ende

Und am Ende siegt das Böse – zumindest behaupten das TV Tropes und C.S. Friedman. Lucy Snyder widersprecht dem und sieht auch in diesem Genre das Gute am Ende gewinnen, was es ihrer Meinung nach vom Horror-Genre abgrenzt. eclipse sagt, dass zumindest klassische Happy-Ends unwahrscheinlich sind, und damit nähern wir uns einer Richtung, mit der ich mich anfreunden kann. Dass die Guten gewinnen, ist für mich kein Ausschlusskriterium. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass in Dark Fantasy häufiger die Bösen gewinnen als im klassischen High Fantasy, dass die Guten mehr opfern oder von vornherein gar nicht wirklich gut waren. Vor allem ein ›bitter-sweet ending‹ scheint für Dark Fantasy typisch, also dass das Gute zwar gewinnt, dabei aber Menschen, Welten und Beziehungen draufgehen.


Der Ton

Kommen wir nun zum Sprachlichen. Für viele ist der sogenannte ›tone‹ ein wichtiges Kriterium, um Dark Fantasy von anderen Subgenres abzugrenzen – wenn nicht sogar der wichtigste.

Der Begriff ist nicht einfach ins Deutsche zu übersetzen und wird sich vermutlich irgendwo zwischen Ton, Tonalität, Sprache und Atmosphäre ansiedeln. Eine schöne englische Definition findest du bei Literary Devices. Ich nutze das Wort ›Ton‹.

So betont Scar-Glamour, dass Dark Fantasy vor allem von Setting, Atmosphäre und dem allgemeinen finsteren und trostlosen Ton geprägt sind. Ryadne spricht von einer »düster-melancholischen Atmosphäre«, weitere oft genutzte Begriffe sind ›unheimlich‹, ›trist‹ und ›grauenhaft‹. Sind Geschichten mit solch einem Ton geschrieben, verspüren wir beim Lesen stets ein unwohles Gefühl. Es ist gruselig, es ist gefährlich. Jederzeit lauern Schrecken und Tod. Verstörende und schreckliche Dinge passieren, es scheint kaum Hoffnung zu geben.

Das alles verschafft uns einen guten Eindruck von Dark Fantasy. Aber lässt sich das Genre so einfach definieren? Ist Dark Fantasy bloß Fantasy mit düsterer Grundstimmung? Laut englischem Wikipedia müssten wir diese Frage mit Ja beantworten, da eine alternative Abgrenzung, zum Beispiel nach Tropes oder Themen, nicht möglich sei. Auch für pkitsch beschreibt Dark Fantasy mehr den Ton als die Thematik. Ich selbst war skeptisch, was diese Behauptung betrifft, konnte sie aber immer besser nachvollziehen, je tiefer ich recherchiert habe. Vor allem bei der Einordnung bekannter Werke wird klar, warum der Ton bzw. die Atmosphäre so wichtig sind.

Achtung: Bitte nicht den Ton mit dem Stil verwechseln. Der Stil ist eine Eigenschaft einer Autorin oder eines Autors und hat Wiedererkennungswert. Er bleibt immer in gewisser Form erhalten, egal ob Liebesroman oder Horror. Der Ton dagegen prägt Stimmung und Atmosphäre und variiert je nach Genre.

Gruselige Hütte

Die Welt

Setting

Laut TV Tropes spielt Dark Fantasy in einer üblichen Fantasy-Welt. Das klingt banal, aber warum das so wichtig ist, wird beim Vergleich mit Horror deutlich. Was ›üblich‹ bedeutet, ist eine andere Frage, aber die Aussage impliziert meiner Meinung nach, dass auch Low und Urban Fantasy enthalten sind, nicht aber Horror und Mystery, die in der realen Welt spielen.

Dunkle Mächte sind in Dark Fantasy mehr oder weniger etabliert. ›Etabliert‹ bedeutet, dass die Menschen von ihrer Existenz wissen oder dass zumindest allgemein anerkannt ist, an sie zu glauben. Das hat viele Facetten: Die dunklen Mächte können Teil des Alltags sein, sie können aber auch nur in bestimmten Regionen wüten. Vielleicht sind sie selten, vielleicht gelten sie sogar als »ausgestorben«. Es reicht, wenn allgemein akzeptiert ist, dass es sie gibt oder zumindest gab.

Was wir vorhin über den Ton gesagt haben – düster, gruselig, trostlos –, trifft auch auf die Welt zu. Entweder ist sie von Anfang an mit Finsternis überzogen oder die dunklen Mächte werden immer stärker und verwandeln sie im Laufe der Geschichte zu einem Ort des Schreckens. Settings sind dunkle und gefährliche Orte, aber auch Dystopiewelten und Metropolen mit hohen Kriminalitätsraten (TV Tropes). Alles, was sich in dieser Welt aufhält, hat eine gute Chance, böse zu sein. Von grausamen Menschen zu korrupten Regierungen, von dunklen Hexenmeistern zu bösen Göttern. Krieg beutelt die Menschen, Landschaften werden zerstört, Völker vernichtet.

Magie, Tiere und dunkle Wesen

Die Magie in Dark Fantasy ist oft von äußerst böser Natur (Teufelspakt, Blutmagie, Menschenopfer) und verführt die Menschen zur dunklen Seite (TV Tropes). Diese Form von Magie gibt es aber auch in klassischer Fantasy, und die Aussage »in Dark Fantasy ist sie noch gruseliger und grausamer« ist zwar durchaus richtig, aber nicht gerade substanziell. Hier ist wohl eher wichtig, wer diese Magie wirkt (siehe Gut vs Böse).

Die Tierwelt steht den Menschen in nichts nach. Während Tiere sonst oft bezaubernd aussehen und den Protagonisten hilfreich zur Seite stehen, treiben in Dark Fantasy die grausamsten Kreaturen ihr Unwesen. Entstellt, muskulös und tödlich, verbreiten sie nicht gerade den Charme eines Einhorns. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass sie stupide Killer sind, sondern können genauso gut Gefühle und Leidenschaften hegen (TV Tropes).

Und dann gibt es noch die typischen Wesen, an die wir sofort denken müssen, wenn wir Dark Fantasy hören: Vampire, Zombies, Werwölfe, Dämonen und viele mehr. Sie sind allgegenwärtig. Sie verkörpern den typisch düster-gruseligen Flair, den Gothic-Charakter. Nicht zwingend müssen sie enthalten sein (Churke), sind aber oft diejenigen, die für den Horror sorgen.

Trotzdem: Ein Werk ist nicht gleich Dark Fantasy oder Horror, nur weil ein Vampir vorkommt – diese Wesen können wir auch in Liebeskomödien einbauen. Zwar vermitteln sie oft den typischen Flair, doch ihr Vorkommen ist kein Kriterium.

Schloss Dark Fantasy Atmosphäre

Exkurs

Kann sich eine normale Welt in eine Dark-Fantasy-Welt entwickeln, wenn die Geschichte so lange geht, dass die Wesen in der Gesellschaft irgendwann als etabliert gelten? Schwierige Frage. Intuitiv spricht nichts dagegen, andererseits habe ich das Gegenbeispiel ›The Walking Dead‹ im Kopf. Hier sind die Zombies in den neusten Staffeln bereits etabliert, immerhin wächst die Kindergeneration in Koexistenz mit ihnen auf und kennt die Welt nicht anders. Trotzdem würde ich es nicht einmal als Fantasy einstufen, sondern als Dystopie mit Horror-Elementen. Vielleicht liegt es daran, dass es keine Magie gibt. Und Magie ist ein elementarer Bestandteil von Fantasy.


Dark Fantasy vs Horror – Was ist der Unterschied?

Ich persönlich, der gerne Horrorfilme schaut, verbinde mit dem Genre eine Geschichte, die in der realen Welt spielt. Horrorfilme funktionieren besonders gut, wenn sich die Zuschauer in die Figuren hineinversetzen können. Und das können sie am besten, wenn gewöhnliche Menschen in Alltagssituationen dargestellt werden. Zwar ist die Umgebung oft neu, zum Beispiel ist die Familie gerade umgezogen, aber nicht neu im Sinne einer anderen Welt. Dann dringt der Antagonist in das Vertraute ein. Das kann ein Axtmörder sein, aber um beim Vergleich mit Dark Fantasy zu bleiben, beziehe ich mich im Kommenden auf übernatürliche Wesen wie Geister und Dämonen.

Angst kommt für die Protagonisten vor allem dadurch auf, dass die Horror-Wesen etwas völlig Neues für sie sind. Sie verstehen diese nicht und haben keine Ahnung, wie sie sich dagegen wehren können (serralinda73). Hilfe gibt es höchstens in Form von Priestern oder Menschen, die sich mit paranormalen Phänomenen beschäftigen und von der Gesellschaft als Spinner abgetan werden. Aber auch wenn diese den Exorzismus beherrschen – sie sind hoffnungslos unterlegen. Nicht selten enden die Geschichten für alle Beteiligten tödlich.

In Dark Fantasy hingegen sind die Protagonisten selbst Teil dieser Welt (bestandfantasybooks). Magie und dunkle Wesen sind ihnen bekannt, und je besser sie die Wesen kennen und je mehr Magie sie beherrschen, desto weniger müssen sie diese fürchten (serralinda73). Das Ziel bei Horror ist daher die Flucht, bei Dark Fantasy wird gekämpft (Uproxx). Horror will uns verängstigen, während diese Absicht bei Dark Fantasy nicht gegeben ist (bestandfantasybooks).

Totenkopf Horror

Die Protagonisten

Wie eben schon erwähnt, agieren in Dark Fantasy für gewöhnlich keine Alltagsmenschen. Vielleicht sind die Protagonisten anfangs noch grün hinter den Ohren und kennen sich weder mit Magie noch mit dunklen Mächten aus. Doch würden sie im Laufe der Geschichte ›gewöhnlich‹ bleiben, bliebe ihnen nur die Option Flucht und wir hätten es mit Horror zu tun. Klar kann so eine Art Story auch in einer Fantasywelt spielen, aber dann würde ich sie Fantasy-Horror bezeichnen und nicht als Dark Fantasy.

In Dark Fantasy wollen die Menschen sich wehren. Wenn sie das zu Beginn noch nicht können, werden sie ausgebildet und entdecken ihre magischen Fähigkeiten (und waren offenbar doch nicht so gewöhnlich, wie sie gedacht hatten). Das ist ein Fall, der typisch für Urban Fantasy ist.

Oft haben wir es aber auch mit Profis zu tun, die in dieser Welt aufgewachsen sind und ihre Skills von Kindheit an geschärft haben. Welche Skills das sind? Da gibt es unendlich Möglichkeiten, Autor*innen können sich hier kreativ entfalten. Meistens sind es Praktiken der dunklen Kunst: Voodoo, Dämonenbeschwörung, Blutmagie – die oft mit üblen Kehrseiten versehen sind: Für jeden dunklen Zauber gibst du einen Teil deiner Seele ab. Vielleicht sind die Helden aber auch nur erstaunlich tödlich mit dem Schwert und metzeln haufenweise Bestien ab. Dark Fantasy wird jedenfalls die harten Seiten zeigen und wie verdorben und grausam Magier sein können (TVTropes).

Viele sagen, die Hauptfiguren in Dark Fantasy müssen anti-heroisch sein (Goodreads). So sei dies ein Kriterium, um Dark Fantasy von High Fantasy anzugrenzen. Lucy Snyder behauptet genau das Gegenteil und sieht in ihnen die typisch-heroischen Helden, die das Böse bekämpfen und es am Ende bezwingen. Liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen? Vermutlich. Ich würde keiner Geschichte die Bezeichnung ›Dark Fantasy‹ absprechen, nur weil der Held nicht heroisch oder anti-heroisch ist.

Die Tendenz geht aber in Richtung Anti. Oft haben die Helden Eigenschaften wie: grimmig, brutal, moralisch zweifelhaft. Probleme mit Geld, Sex und Alkohol. Eigensinnig und stur. Zynismus und Sarkasmus sind häufige Begleiter, genauso Gefühle von Einsamkeit bis hin zu Depressionen. Und das kommt nicht von ungefähr: Sie müssen sich in einer erbarmungslosen Welt behaupten, in der nur die Stärksten überleben. Wer dabei unmoralisch und skrupellos agiert, verschafft sich Vorteile, und die meisten Figuren lernen früh, dass es anders nicht geht.

Idealisten dagegen haben es schwer. Während sie in anderen Genres stets gewinnen und für die Moral der Geschichte sorgen, laufen sie in Dark Fantasy gerne mal ins offene Messer. Sie sind die besonders tragischen Figuren, bringen Licht in die immerdunkle Welt, scheitern aber an ihren naiven Moralvorstellungen. Oft sind sie zu gutmütig und vertrauen den falschen Personen. Nicht selten verlieren sie dafür ihren Kopf (looking at you, Ned Stark!). Manchmal lernen sie aber auch aus ihren Fehlern und passen sich der Welt an. Wenn sie dann trotz allem an ihren Idealen festhalten, sind sie besonders sympathisch. Einen treffenden Artikel dazu findet ihr bei TVTropes unter ›Ritter mit saurer Rüstung‹.

Hexe und dunkle Magie

Gut vs Böse

Protagonisten rutschen gerne mal ins Dunkle ab. Oder sie sind von Anfang an böse und von den Antagonisten kaum zu unterscheiden. Gerade Antihelden sind nicht gerade Engel auf Erden. Gut und Böse verschwimmen, das Stichwort lautet: ›moralische Grauzonen‹. Viele sehen diese Grauzonen sogar als das wichtigste Kriterium, um Dark Fantasy von anderen Subgenres abzugrenzen (Kati, FST_Gemstar und TV Tropes).

In klassischer Fantasy handeln die Helden oft moralisch korrekt und sind somit Ankerpunkte für die Leserschaft (Kati). Egal, was passiert: Sie sind gut, bleiben gut und gewinnen am Ende auch. Viele Fans wollen genau so etwas lesen. Sind die Helden aber böse oder laufen Gefahr, von der dunklen Seite bekehrt zu werden, gibt das der Geschichte ein ganz anderes Feeling. TV Tropes schreibt, dass moralische Grauzonen das sind, was Geschichten überhaupt erst düster machen. Wir werden später noch sehen, dass da definitiv etwas dran ist.

Das bedeutet nicht, dass alle Figuren moralisch flexibel sein müssen. Die klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse kann es in Dark Fantasy trotzdem geben. Nur sind die Guten meist nicht so richtig gut und die Bösen nicht so richtig schlecht (Letzteres ist aber durchaus noch vorstellbar). Das Genre ist dahingehend einfach härter, realistischer oder erwachsener als andere Subgenres. Man könnte auch sagen: moderner. Denn Figuren dieser Art werden in der Belletristik immer häufiger erschaffen und sind keineswegs exklusiv für Dark Fantasy. Vielschichtige Charaktere sind in! Wir werden in den nächsten Jahren deutlich mehr davon zu lesen kriegen.


Liebe und Erotik

Immer häufiger lese ich von Parallelen zwischen Dark Fantasy und Romantasy. Das mag im ersten Moment absurd klingen, liegen die Schwerpunkte doch komplett anders. Doch dafür verantwortlich sind zwei Gründe: Erstens treiben häufig dunkle Wesen wie Vampire ihr Unwesen in Romantasy-Geschichten (oft sogar als love interest). Zwar heißt das nicht, dass die Wesen oder die Geschichte sonderlich düster sind, aber dadurch sind gewisse Vermischungen entstanden. Zweitens sind diese Geschichten oft sehr wohl düster, was ein noch relativ neuer Trend ist. Um diese Werke, die stark vom bislang üblichen Romantasy abweichen, entsprechend abzugrenzen, wurde der Begriff ›Dark Romance‹ eingeführt. Sehr passend, wie ich finde. Meine persönliche Definition von Dark Romance lautet: Dark Fantasy mit romantischem Schwerpunkt.

Twilight könnte hier ein gutes Beispiel sein, ausgehend von pkitsch und UnsealedMTG. Allerdings habe ich die Serie nicht gelesen und kann daher keinen Senf hinzugeben.

Dark Fantasy Frau Engel Teufel

Einordnung berühmter Werke

Und wie definiert sich Dark Fantasy jetzt? Gute Frage! Trotz meiner Recherche hatte ich immer noch keine richtige Vorstellung davon, wie ich das Genre einordnen soll. Die Ansätze waren vielfältig, die Meinungen widersprüchlich. Jeder hat seine eigene Vorstellung.

Doch im praktischen Teil wird alles etwas klarer. Ihr werdet sehen: Kaum wenden wir unsere Überlegungen auf konkrete Beispiele an, sehen wir, was wirklich wichtig ist. Testet es selbst: Bevor ihr den Abschnitt lest, überlegt mal, warum Game of Thrones, Herr der Ringe und Harry Potter sich so unterschiedlich anfühlen – und doch ähnlich definiert werden könnten.

A Song of Ice and Fire (Game of Thrones)

Intuitiv sagen die meisten zu GoT erstmal: klassische High Fantasy. Doch auf den zweiten Blick wirkt es deutlich dunkler als viele Vertreter dieses Genres. Und auf den dritten gibt es Szenen, die schreien nach Dark Fantasy!
Die Schwierigkeit bei diesem Werk liegt darin, dass es zwei Hauptstränge gibt, die sich deutlich voneinander unterscheiden:

  1. Der Kampf um den Thron (klassisches High Fantasy?)
  2. Die Bedrohung der Weißen Wanderer und Zombies (Dark Fantasy liegt in der Luft!)

Da der Plot um den Thron die meiste Zeit im Vordergrund spielt, könnten wir einfach sagen: Klassische Fantasy überwiegt, also definieren wir es auch so (zumindest nach serralinda73 und UnsealedMTG). Doch hat dieser Plot vielleicht auch was von Dark Fantasy?

GoT ist hart. Alles, was in irgendeiner Form brutal ist, wird thematisiert. Die Welt ist grausam, ständig bringen die Leute sich gegenseitig um. Die Menschen sind grimmig und sarkastisch, Tiere brutal. Es gibt unzählige Parteien, die auf skrupellose Weise ihre Interessen durchsetzen wollen.
Dementsprechend ist auch der Ton der Geschichte. Der Thron-Plot ist nicht wirklich gruselig, da die dunklen Mächte größtenteils fehlen und dunkle Magie nur vereinzelt eingesetzt wird. Aber er ist auf andere Weise dunkel, einfach hart und erbarmungslos. Lieblingsfiguren sterben reihenweise, und die moralischen Grauzonen, von denen ich im Abschnitt ›Gut vs Böse‹ geschrieben hatte, sind allgegenwärtig. Dany, Cersei, Stannis – wer davon ist wirklich ein guter Mensch? Sie alle haben ihre guten und ihre schlechten Seiten und gehen über Leichen.
Das führt dazu, dass wir beim Lesen stets mit dem Schlimmsten rechnen. Oder erwartet einer von euch in den Büchern ein Happy End? Ich sicher nicht.

Game of Thrones ist für mich schon sehr dunkel, vor allem, wenn wir es im nächsten Abschnitt mit Herr der Ringe vergleichen. Meiner Meinung nach geht es aber noch dunkler, da dieser Gothic-Flair, das Gruselige fehlt. In wenigen Szenen ist er zu 100% vorhanden, nämlich nur bei Szenen aus dem Night-King-Plot. Allerdings spielt der in den Büchern noch eine untergeordnete Rolle (dort wurde der Night King ja noch nicht mal eingeführt!)

Ist Game of Thrones Dark Fantasy?

Herr der Ringe

Sauron, Nazgul, Mordor und die Orks – in diesem Epos herrscht dunkle Magie. Sauron wird immer stärker, der Untergang der Welt steht unmittelbar hervor. Die dunklen Mächte und der Kampf gegen sie stehen im Mittelpunkt, ganz anders also als in Game of Thrones. Trotzdem fühlt sich dieses Epos ganz anders an, viel weniger dunkel. Es wirkt milder, heiterer, nachsichtiger. Wir fühlen uns beim Lesen viel wohler. Woran liegt das?

Der Ton: Zwar sind die Filme recht düster gehalten, doch ist der Ton in den Büchern deutlich freundlicher. Das liegt einerseits am heiteren und angenehmen Sprachstil Tolkiens, andererseits an den ganzen Wesen, die die Welt bevölkern. Neben Orks und Trollen gibt es viele, die gutartig, putzig und hilfsbereit sind. In Game of Thrones dagegen sind selbst die befreundeten Wesen grausame Bestien (Werwölfe Drachen …).
Menschen, Elben und Zwerge sind zwar durchaus kriegslustig, doch wirken sie harmlos im Vergleich zu den Menschen in Game of Thrones, die quasi durchgängig ihre Messer wetzen. Vergleicht einfach mal das Auenland mit King’s Landing, dann wird der Unterschied klar.

In diesem Epos ist klar, wer die Guten sind. Und die Guten sind nicht nur moralisch auf der richtigen Seite – nein, sie haben ein zu 100% reines Herz. Obendrein genießen sie Plot Armor. So ist beim Lesen völlig klar, dass sie alle überleben und die Welt am Ende vorm Bösen retten werden.
Genau hier zeigt sich das ›Problem‹: Diese Faktoren führen dazu, dass die Geschichte nicht so richtig düster sein kann. Wir rechnen nicht mit dem Schlimmsten – im Gegenteil: Wir fühlen uns wohl, denn wir erwarten, dass alles gut ausgeht.

Die bloße Existenz dunkler Mächte reicht also nicht aus, egal, wie sie dargestellt werden. Ganz entscheidend ist die Erwartungshaltung, die wiederum vom Ton, von der Welt und von der Zeichnung der Protagonisten abhängt.

Harry Potter

Sicherlich werden sich einige jetzt fragen, wieso ich Harry Potter als Beispiel nehme. Immerhin ist das eine Jugendbuch-Reihe mit vielen fantastischen Elementen, die uns zum Staunen und Träumen bringen, statt uns zu verstören. Gerade Teil 1 ist noch sehr heiter und zauberhaft geschrieben.
Das Gesamtwerk ist also kein Dark Fantasy.

Anders sieht es aus, wenn wir uns die Bände 6+7 isoliert anschauen. Diese sind vom Ton her sehr dunkel gehalten, deutlich gruseliger noch als GoT. Das liegt auch daran, dass hier die dunklen Mächte viel mehr im Vordergrund stehen. Sie übernehmen die Herrschaft und nutzen brutal-diktatorische Strukturen. Voldemort ist das Paradebeispiel eines Antagonisten, der die schlimmsten Formen der dunklen Kunst beherrscht. Wichtige Personen sterben, Hoffnungslosigkeit breitet sich aus. In diesen Bänden geht es nicht mehr um Quidditch und Zauberscherze, sondern ums Überleben und den Kampf gegen die Finsternis.

Das Ende ist dann halt wieder nicht so dunkel, eher ein klassisches Happy End mit einer guten Portion Kitsch. Und letztendlich hatten wir das auch so erwartet. Hier spielt nämlich wieder das Gesamtwerk mit rein und damit einhergehend der hellere Ton und die klare Unterscheidung zwischen Gut und Böse.
Wobei sich die Teile 6+7 trotzdem sehr dunkel anfühlen – die moralischen Grauzonen scheinen daher zwar ein wichtiger Indikator für Dark Fantasy zu sein, aber kein notwendiges Kriterium.

Fun Fact: Gegen Harry Potter gab es schon Proteste, da die Serie angeblich Hexenwerk und Satanismus fördert (Lucy Snyder).

Schlussfolgerungen

Wir halten fest: Keines dieser Werke ist ein Paradebeispiel für Dark Fantasy. Trotzdem würde ich Game of Thrones und Harry Potter (6+7) diesem Genre zuordnen.

Für mich hat sich herausgestellt, dass nur der dunkle Ton ein notwendiges Kriterium stellt, um ein Werk als Dark Fantasy einzustufen. Dieser kann auf verschiedene Weisen dunkel sein: In HP (6+7) ist er düster-gruselig, während er in GoT eher hart und brutal ist. So oder so ist er rein subjektiver Aspekt, weshalb ich ihn nicht definieren kann.
Ansonsten lassen sich die Kriterien nicht einfach einteilen in: JA zu Dark Fantasy, NEIN zu Dark Fantasy. Es ist vielmehr ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren, das ein Werk düster macht oder nicht. Und auch hier eben ein subjektives Empfinden.
Dunkle Magie und dunkle Wesen tragen viel zur dunklen Atmosphäre bei, aber sie müssen nicht vorhanden sein, damit ein Buch zu Dark Fantasy gehört (Beispiel Game of Thrones). Selbiges gilt für vielschichtige Protagonisten, deren böse Seiten thematisiert werden. Mit ihnen fehlen uns die moralisch einwandfreien Figuren als Anker, an denen wir uns festhalten. Jedoch können Werke auch ohne sie sehr dunkel sein (Beispiel Harry Potter 6+7).

Ganz wichtig sind die Erwartungen, die beim Lesen geweckt werden, und die ergeben sich aus Ton, Welt, Protagonisten, Wesen und Magie. Das beste Beispiel ist GoT. Alle Fans dieses Werkes wissen, wovon ich rede, denn sie haben gelitten. In den Büchern rechnen wir schon gar nicht mehr damit, dass etwas Gutes passiert. Jeder ist sich selbst der nächste, sogar die vermeintlich guten Figuren greifen zu drastischen Maßnahmen, wenn nötig. Plot Armor ist Fehlanzeige, an ein Happy End glauben wir nicht. Das macht die Geschichte so düster. In Herr der Ringe dagegen gehen wir fest davon aus, dass die Hobbits am Ende wieder fröhlich durch das Auenland tollen.

Dark Fantasy Wald gruselig Atmosphöre

Fazit: Dark Fantasy

Wie ihr seht, gibt es nicht die eine Definition von Dark Fantasy. Das Genre wurde aus Marketinggründen eingeführt, und jeder Verlag hat für sich selbst interpretiert, was es bedeutet. Der eine mag eine strenge Vorstellung im Kopf gehabt haben, während der andere bloß auf den Marketing-Zug aufgesprungen ist. Und so haben sich über die Jahre hinweg viele unterschiedliche Vorstellungen mit jeweils anderen Schwerpunkten entwickelt.

Im Folgenden liste ich einige Kriterien auf, die Dark Fantasy meiner Meinung nach ›definieren‹. Allerdings wäre ›ausmachen können‹ die bessere Wortwahl , denn die meisten der Kriterien müssen nicht zwingend erfüllt werden, um ein Werk diesem Genre zuzuordnen. Sie dienen jedoch als gute Indikatoren.
Letztlich ist es ein Zusammenspiel all dieser Faktoren, die ein Werk düster werden lassen. Welche davon in welchem Ausmaß mit reinspielen, ist eine subjektive Einschätzung. Eine Formel gibt es nicht.

  1. Dark Fantasy spielt in einer Fantasy-Welt, in der Magie und dunkle Mächte mehr oder weniger etabliert sind. Damit grenzt es sich von Horror und Mystery ab.
  2. Die Protagonisten sind entweder vertraut mit Magie oder erlernen sie relativ schnell. Ihr Ziel ist nicht die Flucht, sondern die Vernichtung der dunklen Mächte (wieder ein Unterscheidungsmerkmal zu Horror).
  3. Die Welt ist hart und erbarmungslos: bösartige Götter, korrupte Regierungen, dunkle Magier. Krieg, Verbrechen, ein steter Kampf ums Überleben. Nicht jeder muss böse sein, doch vor allem die bösen Seiten werden gezeigt.
  4. Oft sind die Antagonisten übernatürliche Mächte, die die schrecklichsten Formen der dunklen Kunst nutzen. Sie tragen viel zu einer düsteren Grundstimmung bei, reichen aber allein nicht aus, um ein Werk als Dark Fantasy zu klassifizieren.
  5. Selbiges gilt für dunkle Wesen wie Dämonen, Zombies und Werwölfe mit. Sie können den Geschichten das typische Gothic-Flair verleihen, aber auch sie sind nur ein Indikator für Dark Fantasy und kein Kriterium.
  6. Die Protagonisten sind meist nicht die klassischen Helden, die 100% moralisch korrekt handeln. Oft sind sie Antihelden, die tun, was sie tun müssen. Notfalls greifen sie zu den schlimmsten Mitteln und sind dadurch nicht unbedingt von den Antagonisten zu unterscheiden.
    Die klassische Unterteilung in Gut und Böse ist dennoch möglich, aber wenn diese Unterscheidung zu strikt ist und wir nichts Böses von den Protagonisten erwarten können, schadet das einer dunklen Grundstimmung.
  7. Der Ton (Tonalität, Atmosphäre …) ist das wichtigste Kriterium für Dark Fantasy. Ist er nicht dunkel gehalten, ist die Geschichte nicht dunkel. Der Ton kann einerseits düster und gruselig sein, andererseits hart und erbarmungslos. Manchmal ist er auch trist oder melancholisch, mit einer Prise Hoffnungslosigkeit.
  8. Die vorherigen Punkte bestimmen die Erwartungshaltung. Beim Lesen von Dark Fantasy fühlen wir uns permanent unwohl (was einen gewissen Reiz bietet). Wir rechnen immer mit dem Schlimmsten. Schreckliche Dinge geschehen, selbst die geliebten Hauptfiguren sind vor nichts sicher. Wir glauben nicht, dass sie gute Person gut bleibt und am Ende das Böse besiegt, ohne Verluste hinzunehmen.
  9. Ein Happy End kann es durchaus geben, oft aber mit sehr bitterem Beigeschmack.

Dark Fantasy Bücher

  • Meine eigenen Werke natürlich 🙂
  • Stephen King: Der Dunkle Turm
  • Markus Heitz: Pakt der Dunkelheit
  • M. D. Grand: Schatten
  • Katania de Groot: Wolfkisses (Dark Romance)
  • Benjamin Spang: Blut gegen Blut
  • Katrin Ils: Unstern
  • Gesa Schwartz: Die Chroniken der Schattenwelt
  • Die originalen Märchen der Gebrüder Grimm (laut audible magazin). Sie sind düster und grausam, weshalb heutzutage deutlich harmlosere Versionen für Kinder im Umlauf sind.

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