Der Schatten in mir, Meine Projekte

Update: Der Schatten in mir

kindle

Ein Buch im Selbstverlag zu veröffentlichen, ist ganz schön viel Arbeit – Arbeit, die nichts mit dem Schreiben an sich zu tun hat. Was man so alles beachten muss, werde ich in einem anderen Beitrag nochmal auflisten. Jetzt möchte ich erstmal ein Statusupdate zu meinem Buch “Der Schatten in mir” liefern.

Ebook: Nach tagelangem Aufschlagen meines Kopfes auf den Schreibtisch, ist das Ebook nun fertig formatiert. Ich muss nochmal testen, ob es auch auf jedem Reader fehlerfrei funktioniert. Wenn ja: Auf in den Kampf! In dem Bild könnt ihr schon einmal sehen, wie das Ebook in etwa aussehen wird. Wunderschön, nicht wahr? Sogar mit funktionierendem Inhaltsverzeichnis!

Printversion: Für den Druck muss der Text natürlich ganz anders formatiert werden. Das war auch kompliziert, aber nicht ganz so nervenaufreibend wie das E-Book. Unten seht ihr eine Vorschau, wie das Buch im Inneren aussehen soll. Eine Online-Vorschau ist in dem Fall allerdings nicht ausreichend. Man sollte erst ein gedrucktes Exemplar in den Händen halten, bevor man Amazon die Freigabe zum Drucken erteilt. Also schickt mir Amazon gerade ein Testexemplar aus den USA zu, und zwar im Super-Express-Service (super teuer natürlich), sodass ich es noch diese Woche begutachten kann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass alles beim ersten Mal schon perfekt aussieht, daher mag es sein, dass die Printversion mit etwas Verzögerung zum Ebook erscheinen wird. Aber wer weiß, vielleicht habe ich ja Glück 🙂

Interior Reviewer

Der Schatten in mir, Meine Projekte

Blogger gesucht!

›Der Schatten in mir‹ wird Anfang Juni 2016 erscheinen. Die Blogger unter euch dürfen mich für ein Rezensionsexemplar gerne anschreiben: Kontakt

Der Schatten in mir_ebookEin Dorf in Angst.

Ein Mädchen mit Borderline.

Eine mittelalterliche Welt.

Klappentext
»Ich heiße Salya, und ein Schatten liegt auf meiner Seele. Ich verletze mich selbst, um diese Welt ertragen zu können.«

Eines Tages wird Schwarzbach, ein kleines Dorf mitten im Wald, von einem Diener der Finsternis heimgesucht. Bald darauf geschehen schreckliche Dinge: Wölfe werden zu Bestien, Menschen sterben. Hilflos muss Oberhaupt Kolen mit ansehen, wie seine Nachbarn den verfluchten Ort zu verlassen drohen. Die junge Salya vernimmt den Ruf der Götter. Zum ersten Mal in ihrem Leben verlässt sie ihre Heimat, um jenem Ruf zu folgen. Doch kann ausgerechnet sie ihrem Dorf helfen? Zantul, der Gott der Finsternis, hat sie längst als Bedrohung erkannt, und nicht einmal die Bewohner ihres eigenen Dorfes trauen ihr.

»Seht euch ihre Wunden an! Sie ist von einem Dämon besessen, der sich an ihrem Blut labt!«

Leseprobe: Kapitel 1 (Kolen) - Im Wirtshaus eines kleinen Dorfes
Eine Stille herrschte im Wirtshaus, wie ich sie als Wirt noch nie erlebt hatte. Meine drei Stammgäste saßen am Tisch, jeder starrte in eine andere Richtung, keiner sprach ein Wort. Einem Fremden würde die angespannte Stimmung nicht auffallen. Er würde die Stille bei einem Krug Bier vor dem Feuer genießen, ohne sie zu hinterfragen. Doch mir entging nichts, denn ein guter Wirt kennt seine Gäste. Mir fiel auf, wie Tarlow mit den Fingern auf den Tisch tippte, wie Jack an seinem Bart spielte, wie Canis bei jedem Jaulen des Windes zuckte und zum Fenster schaute. Tarlow schwelgte heute nicht in Erzählungen von früheren Zeiten, und Jack machte keinen seiner albernen Witze.
Draußen pfiff der Sturm und ließ das Türschild gegen das Haus hämmern. Immer und immer wieder, als wollte der Wind das Holz zermürben. Drinnen knisterte das Feuer, ab und zu stellte jemand seinen Krug ab, rülpste oder hustete. Diese Geräusche waren mir vertraut, ebenso der Geruch von Bier, der mein Wirtshaus wie jeden Abend erfüllte. Das Vertraute beruhigte mich, versicherte mir, das Leben im Dorf ging weiter, wir waren noch hier, alles war wie gewohnt.
Aber ein Wirtshaus ohne die Stimmen seiner Gäste ist wie ein Körper ohne Seele. Mir blieb nichts anderes übrig, als die Krüge zu spülen und die drei Kumpane zu beobachten. Tarlow, sonst nie um Worte verlegen, hielt heute seinen Mund geschlossen. Jack, dessen Augen sonst vor Übermut zu funkeln schienen, brütete dumpf vor sich hin. Letztlich war der junge Canis derjenige, der Worte fand – ausgerechnet Canis.
»Wir müssen uns der Wahrheit stellen!« Er stand auf und gestikulierte wild mit den Händen. »Wir können uns nicht ewig Bier in den Rachen schütten, als wäre nichts geschehen. Ein Narr, wer die Zeichen ignoriert!«
Was fürchtet man mehr: Wenn der geschwätzige Mann schweigt oder wenn der schüchterne Junge redet? Für mich zweifellos Zweiteres, denn selbst die schlimmste Schnattergans hält ab und zu die Klappe. Doch sei wachsam, wenn der Schweigsame spricht, denn für ihn trägt jedes einzelne Wort ein großes Gewicht!
Canis schaute zu Tarlow, zu mir, zu Jack. Weder begegneten Tarlow und Jack seinem Blick noch antworteten sie. Sie starrten in ihre Krüge.
»Was sollen wir deiner Meinung nach machen?«, fragte ich ihn.
Er schüttelte den Kopf. »Weiß ich nicht, aber in unserem Dorf sind wir nicht mehr sicher.«
»Nirgends sind wir sicherer als in Schwarzbach. Hier haben wir alles, was wir brauchen, und der Wald um uns herum schützt uns vor Feinden.«
Er senkte seinen Blick wieder, dann sagte er leise: »Vor so etwas kann uns niemand schützen.«
Ich sah die Furcht in ihren Augen. Wie gerne hätte ich sie beruhigt, mit ihnen über Frauen, Bier und Krieg gesprochen – wie jeden Abend. Aber auch mir blieben die Worte auf der Zunge liegen. Jeder von uns hatte es mit eigenen Augen gesehen, und wir alle kannten die Geschichten.
»Vielleicht sollten wir die Beutel packen und verschwinden«, fügte Canis hinzu.
Ich zuckte zusammen. Das war das Letzte, was ich hören wollte. Niemals durfte sich dieser Gedanke in den Köpfen der Dorfbewohner festsetzen.
»Wir können nicht einfach gehen«, sagte ich. »Wo sollen wir wohnen, wo sollen wir arbeiten?«
Canis schaute mich kurz an, dann wich er meinem Blick aus. Er hatte keine Antwort für mich. Stattdessen setzte er sich wieder hin und klammerte sich an seinen Krug.
»Wir sollten zu den Göttern sprechen und ihren Beistand erbitten«, murmelte Tarlow. Es wurde verdammt noch mal Zeit, dass er seinen Mund öffnete.
»Wofür sollen wir beten?«, fragte Canis. »Die Götter haben uns noch nie geholfen.«
»Hör auf, über die Götter zu lästern!«, schimpfte Tarlow mit erhobenem Zeigefinger und gerötetem Gesicht. »Zeig gefälligst mehr Respekt!«
Canis sagte nichts, auch Jack und ich blieben ruhig. Wenn es um die Götter ging, duldete Tarlow keine Widerworte.
»Kaum eine Frau gehabt, schon packt dich der Übermut«, fügte Tarlow brummelnd hinzu.
Doch auch darauf antwortete Canis nicht. Reglos saß er auf seinem Stuhl und starrte durch alles hindurch ins Leere. In welcher Gedankenwelt er sich wieder verloren hatte, vermochte niemand von uns zu sagen.

Der Abend schritt voran, und das Bierfass leerte sich. Wenn der Wind aufjaulte, noch lauter als zuvor, klapperte das Türschild mit wachsender Kraft. Zwischen den Windstößen jedoch war es so leise, dass ich jeden Einzelnen von uns atmen hören konnte. Ich nutzte die Stille und warf einige Walnussschalen in den Kamin. Das Feuer knisterte und sprühte Funken, die sich über den Boden verteilten. Ich sah ihnen zu, wie sie dort glühten, bis einer nach dem anderen erlosch.
Plötzlich durchbrach etwas die Stille. Von draußen drangen ungewohnte Geräusche ins Wirtshaus. Ein Pferd scharrte und wieherte. Tarlow und Canis schauten abrupt auf, Jack hatte gerade seinen Krug gehoben und verhielt die Bewegung vor dem Mund. Ich wollte zur Tür rennen und nachsehen, aber ich widerstand dem Drang und blieb wie erstarrt, als hielte mir jemand ein Messer an die Kehle. Wir tauschten Blicke aus, jeder von uns wusste, was das bedeutete: Jemand war in unser Dorf geritten und stand nun direkt vor meinem Wirtshaus! Fremde verirrten sich nur selten in unser Dorf, erst recht nicht mitten in der Nacht. Ich blickte mich um. Hinter der Theke lag ein massives Holzscheit, doch was würde es mir nützen, zückte ein Schurke sein Schwert und hielte es mir an den Hals?
Wir hörten ein dumpfes Geräusch, als wenn jemand von seinem Pferd sprang. Draußen wurde nicht gesprochen, anscheinend hielt sich nur eine einzelne Person vor dem Wirtshaus auf. Jedoch hörten wir auch Metall klingen – kein beruhigendes Geräusch für unbewaffnete Bewohner eines kleinen Dorfes. Wir starrten auf die Tür, und ich merkte, wie mein ganzer Körper verkrampfte, vom Kopf bis zu den Fußzehen.
Eine Weile hörte ich nichts; der Fremde band wohl sein Pferd an, danach öffnete sich endlich die Tür. Im selben Moment fegte ein heftiger Windstoß durchs Dorf und blies einen Schwall kalte Luft herein. Die Umrisse einer Person zeigten sich in der Tür. Ich kniff die Augen zusammen, konnte aber gegen die Dunkelheit nichts erkennen.
Der Fremde trat mit schwerem Tritt seiner schwarzen Stiefel ein. Er trug einen schwarzen Mantel, eine Kapuze verhüllte das Gesicht. Als die Falten des Umhangs den Blick auf sein Kettenhemd freigaben, blinkte ein Schwert an seiner Seite auf, mit einer Klinge so lang wie mein Arm. Aber mein Blick blieb nicht auf seiner tödlichen Waffe haften, sondern wanderte zu seinem verhüllten Gesicht. Die Augen waren es, die ich sehen wollte, nicht sein Kettenhemd, nicht sein Schwert und nicht das Wappen auf seinem Mantel.
Als der Fremde einen weiteren Schritt in den Raum trat, fiel die Tür hinter ihm, vom Wind getrieben, mit lautem Knall ins Schloss. Ich wich zurück, auch meine Gäste suchten den Abstand. Der Neuankömmling nahm seine Kapuze ab. Das Gesicht eines jungen Mannes mit blondem Haar und grünen Augen kam zum Vorschein. Ich schaute mir die Augen ganz genau an und konnte nichts Ungewöhnliches erkennen. Ich atmete tief durch. Es mochte töricht sein, die Angst abzulegen, wenn ein Fremder mit Kettenhemd und Schwert eintrat, aber er hatte normale Augen, und nur das schien für mich von Belang zu sein.
Der Blick des Fremden wanderte zunächst zu mir hinter die Theke, danach zum Tisch, an dem meine Gäste saßen. Canis schaute weg, Tarlow und Jack erwiderten vorsichtig den Blick.
»Willkommen in Schwarzbach!«, sagte ich. »Ich bin Kolen, der Wirt. Was kann ich für Euch tun?«
Der Mann zögerte kurz, ging dann in meine Richtung und setzte sich auf einen freien Stuhl in der Nähe der Theke. Bei jedem Schritt klapperte das Schwert an seiner Seite. Er schaute mir in die Augen. »Ein Bier und ein Zimmer für die Nacht!«, sagte er mit fester Stimme. Er zeigte mit seinem Kopf auf den Kessel. »Und etwas von dieser Suppe! Aber nur, wenn sie noch heiß ist.«
Ich erwärmte den Rest Zwiebelbrühe, dazu reichte ich Brot und Bier. Der Fremde aß hastig, schlürfte und rülpste. Während er aß, schaute er sich mehrmals um. Ich hatte das nicht erwartet, aber er spürte wohl, dass etwas nicht stimmte. Ihm war die Stimmung im ›Gerupften Huhn‹ nicht geheuer. Tarlow, Jack und Canis hatten kein Wort gesprochen, seitdem er eingetreten war. Krüge, Schüsseln und ein ungeöffnetes Kartenspiel standen oder lagen unberührt vor ihnen auf dem Tisch.
»Was verschlägt Euch in unser Dorf, Reisender?«, fragte ich den Fremden.
»Bin auf der Durchreise. Will irgendwo anheuern, in Lloyandasburg oder wo auch immer meine Reise mich hinführt. Hauptsache, die Belohnung glänzt und klimpert.«
»Seid Ihr ein Söldner?«
Er nickte, schaute aber nicht hoch und aß weiter.
»Woher stammt Ihr?«
»Aus dem Norden, aus der Nähe von Cantermire.«
Ich merkte auf. »Gibt es Neuigkeiten aus dem Norden? Wie ergeht es Lord Deegan?«
»Sein Sohn hat heimlich ʼne Hure geheiratet.« Er schaute hoch und grinste. In seinen Zähnen klaffte eine große Lücke. »Das Erbe Cantermires kann der Junge jetzt vergessen.«
Mehr erzählte der Fremde nicht, er aß seine Suppe bis zum letzten Tropfen auf. Danach wischte er sich mit der Hand den Mund ab und schaute sich erneut um. Was dachte er? Würde er zum Schwert greifen, jetzt, wo er einen vollen Magen hatte?
»Wo bin ich?«, fragte er. »Dieser Ort ist auf der Karte nicht eingezeichnet.«
»Ihr befindet Euch in Schwarzbach«, sagte ich. »Wir zählen nur zweiundsechzig Einwohner, die wenigsten kennen uns.«
»Wie kann ein solch kleines Dorf überleben?«, fragte er ungläubig.
»Nun, der Boden ist fruchtbar, und der Wald ist reich an Wild und nahrhaften Früchten. Außerdem hilft hier jeder jedem. Hat der Bauer zu viel Arbeit, nimmt der Schneider einen Pflug in die Hand. Ist die Handwerkerin überfordert, greift der Wirt sich einen Hammer.«
»Und wenn Ihr angegriffen werdet?«
Ich schaute kurz zu den anderen herüber, keiner schaute zurück. »Im Ort leben einige ehemalige Ritter«, sagte ich. Eine Lüge. Bei uns lebte nur ein einziger ehemaliger Ritter. Zwar konnte dieser es mit drei Soldaten gleichzeitig aufnehmen, aber ein bewaffneter Fremder musste nicht alles über unser Dorf wissen.
»Vor Schwarzer Magie kann uns auch kein Ritter schützen«, sagte Tarlow. Es waren seine ersten Worte, seit der Fremde angekommen war.
Der Krieger hob seine Augenbrauen und schaute Tarlow an. »Schwarze Magie?«
Ich versuchte, Tarlows Blick zu fangen, wollte ihm andeuten, nichts zu sagen, doch Tarlow bemerkte mich nicht.
»Sprecht, ist Euch etwas Ungewöhnliches aufgefallen, als Ihr in unser Dorf gekommen seid?«, fragte er den Fremden.
Der nickte. »Nun, ein wildes Pack Wölfe hat mich angegriffen. Das ist ungewöhnlich, Wölfe scheuen vor Menschen. Musste sie mit dem Schwert vertreiben.«
»Das Rudel kennen wir«, sagte Jack. »Sie schleichen nachts durch den Wald, inzwischen sogar auch in unser Dorf hinein. Sie wollen sich unsere Vorräte krallen.«
»Zurzeit laufen weniger Beutetiere als sonst im Wald herum«, erklärte ich. »Die Wölfe sind hungrig, und das macht sie mutig. Das ist alles andere als ungewöhnlich.«
Der Fremde zog die Augenbrauen zusammen. »Ihr habt von Schwarzer Magie gesprochen.«
Ich schaute Tarlow an. Dachte er ähnlich wie Canis, dass es besser wäre, Schwarzbach zu verlassen? Dachten alle Dorfbewohner wie Canis? Kurz stellte ich mir vor, wie sie sich ängstlich in ihren Häusern verkrochen, und zuckte zusammen. Das durfte ich nicht zulassen. Es gehörte zu meinen Pflichten, die Menschen zu beruhigen, und vor dieser Verantwortung durfte ich mich nicht verstecken. »Keine dunklen Mächte peinigen unser Dorf«, sagte ich so langsam und ruhig ich konnte.
Tarlow schüttelte den Kopf. »Canis hat recht«, sagte er zu mir, »du kannst nicht Geist und Augen täuschen.«
Hatte Canis wirklich recht? Ich wollte und konnte das nicht glauben.
»Ich erzähle Euch gerne, was vorgefallen ist«, sagte Tarlow zum Fremden. Er hatte wohl beschlossen, ihn nicht als Bedrohung anzusehen, und das brachte die Plauderlaune in ihm hervor. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich wollte nicht über den Vorfall sprechen, wollte ihn ignorieren, ihn mit dem Wind hinfort wehen lassen, ihn für immer aus unseren Köpfen kriegen. Jedes Wort darüber würde die Erinnerung daran stärken und die Ängste der Dorfbewohner schüren. Wieder deutete ich Tarlow an, den Mund zu halten, doch entweder bemerkte er mich nicht, oder er wollte mich nicht bemerken.
»Gewiss doch«, sagte der Fremde.
»Ihr könnt mir glauben, ich rede nicht mit verlogener Zunge«, versicherte Tarlow.
Der Fremde lachte. »Das werde ich erst danach beurteilen. Und nun erzählt, ich liebe unterhaltsame Geschichten.«
»Unterhaltsam?«, fragte Tarlow und schnaubte. »Das ist sie mitnichten.«

Leseprobe: Kapitel 2 (Salya) - Eine junge Frau und ihre Krankheit
Was war das für ein Kreis? Er schwebte über meinem Bett und erleuchtete den Raum, stärker als jede Lampe. Welch prächtiger Anblick! Er strahlte mir ins Gesicht, und in den Wangen verspürte ich ein angenehmes Kribbeln.
Doch dann kam jemand zur Tür herein, und der Kreis flog langsam durch das Fenster hinfort. Wo wollte er hin? Mit dem Kreis verschwand auch das Licht. Jetzt war es dunkel im Zimmer, und ich erkannte nur die Umrisse der Person, die mein Zimmer betreten hatte. Ein wandelnder Schatten, er kam näher und trat an mein Bett heran.
Vater? Was machst du hier?
Der Schatten beugte sich über mich.
Es ist mitten in der Nacht, Vater!
Der Geruch von Bier stieg in meine Nase. Ein abscheulicher Geruch! Ich wollte hinaus, wollte dem schönen Kreis folgen und nicht hier im kalten, finsteren Zimmer bleiben, doch ich konnte mich nicht rühren. Der Schatten stand wortlos vor mir, bis er plötzlich seine Hand hob und mir ins Gesicht schlug. Erst mit der Innenseite, dann mit der Außenseite.
Hör auf damit!
Ich sah zur Seite. Meine Mutter war plötzlich im Zimmer, sie saß auf ihrem Lieblingsstuhl, wippte vor und zurück und blickte mich mit strengem Gesicht an.
Warum guckst du so, Mutter?
Sie antwortete nicht. Der Schatten schlug erneut zu. Es knallte, meine Wange schmerzte, ich versuchte zu schreien, doch meine Stimme erstarb in meiner Kehle. Ich wollte meine Arme heben und das Gesicht schützen, wollte meine Knie anziehen, wollte mich den Schlägen entwinden, aber mein Körper gehorchte mir nicht.
Mutter, warum hilfst du mir nicht?
Alles versagte, meine Stimme, meine Arme, meine Beine. So sehr ich es versuchte, ich brachte nicht mehr als ein schwaches Pusten hervor. Der Schatten schlug weiter zu, die Hände schmetterten gegen meine Wangen, und ich sank wehrlos vor ihm in die Tiefe, ohne Hoffnung auf Hilfe oder Erbarmen.

***

Ich erwachte mit einem lauten Schrei. Verwirrt schaute ich mich um. Ich war in meinem Bett, niemand sonst war in meinem Zimmer. Stirn und Rücken waren nass vor Schweiß, und mein Herz donnerte, als tobte ein Sturm in mir. Es war der übliche Traum.
Draußen war es bereits hell. Ich stand auf, zog mich an und ging aus dem Haus. Mein Blick schweifte über das Dorf. Keine aufgebrachten Menschen, keine hektischen Bewegungen. Erlebten wir heute endlich wieder einen normalen Tag? Ich wagte kaum, in Richtung des Waldes zu gehen. Sie könnte immer noch dort sein, könnte gar auf mich lauern. Wer wusste schon, wozu sie imstande war? Langsam und tief atmete ich ein und wieder aus, dann ermahnte ich mich, kein feiges Kind zu sein, und ging los. Vor dem Waldrand hielt ich an und blickte mich abermals in alle Richtungen um. Nichts Verdächtiges zu sehen. Ich zwang mich, einen Fuß vor den anderen zu setzen, und ging in den Wald. Kaum den ersten Baum passiert, beschleunigte ich meinen Schritt, bis ich beinahe rannte.
Am Schwarzbach fand ich meine Mutter. Zusammen mit anderen Frauen wusch sie Gewänder. Ich versteckte mich hinter einem Baum, denn ich wollte ganz sicher nicht zu ihr. Sie würde mich anmeckern und mich vor den anderen demütigen – wie immer eben. Lieber würde ich durch den Wald spazieren, Lieder summen und Tiere beobachten. Aber ich konnte mich nicht schon wieder drücken. Wie eine Maus kroch ich hinter dem Baum hervor und ging langsam auf meine Mutter zu. »Guten Morgen, Mutter!«, sagte ich.
Sie schaute nur kurz auf, danach konzentrierte sie sich wieder auf ihre Arbeit. »Morgen nennst du das?«
»Wie kann ich helfen?«
»Gar nicht, wir sind fast fertig«, sagte sie, ihre Stimme so bissig wie ein Hund.
Ich verschränkte die Arme. »Du hättest mich wecken können!«
»Richte dich nach der Sonne, dann verschläfst du nicht jeden Tag.«
»Ich kann nichts dafür, dass ich so lange schlafe!«
Eadlyn, eine der anderen Frauen, schüttelte ihren Kopf und seufzte. Diese dumme Gans dachte wohl, ich sehe das nicht!
»In deiner Welt sind immer andere schuld«, sagte meine Mutter. Wenigstens schaute sie jetzt zu mir auf.
Ich biss mir auf die Unterlippe. Wie gerne hätte ich ihr meine Meinung ins Gesicht geschrien, aber ich behielt sie lieber für mich. Ich wollte nicht schon wieder streiten. »Sag mir einfach, was ich tun soll!«
Sie rollte mit den Augen. »Kannst du nicht für dich selbst denken?«
»Aber ich …«
»Soll ich dir auch deinen Brei in den Mund stopfen wie einem Kleinkind?«
»Dann hättest wenigstens du deinen Spaß!«
Ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. »Du freche Göre! Dein Vater hätte dich viel öfter schlagen sollen, dann hättest du vielleicht ein wenig Respekt gelernt!«
Ich spürte Tränen in den Augen, doch ich hielt sie zurück. Diesen Gefallen würde ich meiner Mutter nicht tun. »Sag mir doch einfach, was ich tun soll!«
»Geh zu Greta und ernte Kartoffeln!«, sagte sie und zeigte mit der Hand in Richtung von Gretas Haus. »Und bereite das Abendessen zu! Hauptsache, ich muss dich hier nicht mehr sehen.«
Innerlich dankte ich ihr. Beim Gedanken daran, mit meiner Mutter und den anderen Frauen zu arbeiten, schmerzte jeder Teil meines Kopfes. Lieber putzte ich Nachttöpfe! Während der Kartoffelernte jedoch würde ich allein sein – keine Befehle, kein Meckern, keine Beleidigungen.

***

Greta kniete auf dem Boden in ihrem Duftgarten und jätete Unkraut. Selten sah ich sie an einem anderen Ort; ihr Duftgarten war ihr Leben. Tagein, tagaus war sie über ihre geliebten Pflanzen gebeugt, mit einem Buckel, der jeden Tag krummer zu werden schien.
»Meine Mutter schickt mich«, sagte ich zu ihr. »Ich soll Kartoffeln ernten.«
Wie immer blieb Gretas Blick auf dem Boden haften. »Unkraut sprießt wie Tomalusʼ Bart«, murmelte sie. »Wie die Pest bringt es nichts als Tod und Verderben. Eine Sichel für das Unheil!«
Sprach sie mit mir, sprach sie mit sich selbst? Und vor allem: Was sollte ich dazu sagen?
»Eine meuchelnde Plage«, fuhr sie fort, und plötzlich wurde sie laut: »Es überwuchert meine Kräuterlein!«
»Ich sehe es«, sagte ich in der Hoffnung, sie würde sich mit dieser Aussage zufriedengeben.
Doch sie sprach unbekümmert weiter in Richtung ihrer Pflanzen. Hatte sie überhaupt eine Antwort erwartet? Als sie kurz den Mund schloss, nutzte ich die Gelegenheit und huschte rüber zu den Kartoffeln.

Während der Kartoffelernte kam Kolen vorbei und unterhielt sich mit Greta – zumindest versuchte er es. Er erzählte von einem Söldner, der vergangene Nacht in unser Dorf gekommen war und in seinem Wirtshaus übernachtet hatte. Der Mann war allerdings harmlos. Sie hatten ihm von den schrecklichen Ereignissen in unserem Dorf berichtet, und er hatte schon am frühen Morgen den Beutel gepackt. Schade, denn ich fand Fremde immer sehr interessant, aber wenn er schon wieder weg war, konnte er uns keine Geschichten von der weiten Welt erzählen, die mich die langweilige und anstrengende Arbeit vorübergehend vergessen lassen konnten.
Als mein Rücken anfing zu schmerzen, gönnte ich mir eine Pause. Ich verließ den Duftgarten und ging zu meinem Lieblingsplatz, einem Baumstumpf am Waldrand in der Nähe unseres Hauses. Er war umringt von einigen dicken Bäumen, die stolz in die Höhe ragten und die Sicht auf den Stumpf verdeckten. Nur wenn man wusste, dass ich hier saß, konnte man mich erkennen. Ich dagegen hatte von hier aus eine gute Aussicht auf große Teile des Dorfes.
Ich schaute und lauschte in den Wald hinein. Als ich mir sicher war, dass sich niemand in meiner Nähe aufhielt, setzte ich mich hin und beobachtete das Treiben im Dorf. Die Dorfbewohner bereiteten das Lagerfeuer und das Spiel Infernale vor. Es war eine Tradition Schwarzbachs, jede Jahreszeit an einem Abend das tolle Spiel mit dem Feuer zu veranstalten. Nach den Ereignissen der vergangenen Tage hätte ich nicht gedacht, dass das Fest stattfinden würde, aber vermutlich würde es guttun, wenn wir uns ablenkten.
Die kleinen Kinder rannten durch die Gegend, brüllten sich gegenseitig an und rauften sich, wenn ein Zwist nicht anders zu lösen war. Die Erwachsenen verhielten sich weitaus ruhiger. Sie sprachen während des Aufbaus des Holzstoßes kaum miteinander, jeder schien in seiner eigenen Welt versunken zu sein. Carl besorgte das Holz; beim Gehen drehte er sich mehrfach nach allen Seiten um. Der alte Kenzie schleppte die Feuersteine, die sie für das Spiel brauchten, danach verzog er sich in sein Haus. Schließlich waren sie fertig. Die größeren Kinder durften nun versuchen, das Feuer zu entfachen. Später kam Kolen an der großen Feuerstelle vorbei und gab den Kindern Anweisungen. Typisch Kolen – warum ließ er sie das nicht allein versuchen?
Nach anfangs vergeblichen Versuchen schossen die Flammen hoch in den Himmel und tanzten mit dem Wind. Ein Genuss für meine Augen! Ich liebte das Feuer, es war voller Geheimnisse. Ein Kind wollte die Feuersteine testen und warf sie in den Glutherd. Das Feuer knisterte und verfärbte sich, am Boden leuchtete es türkis, nach oben hin ging es allmählich in Lila über. Die bunten Farben zierten den tristen, grauen Himmel wie ein schönes Bild eine hässliche Wand. Wie ich mich auf das Fest am Abend freute! Hoffentlich würde es nur nicht schon wieder regnen.

***

Je länger ich das Feuer beobachtete, desto tiefer tauchte ich in meine Gedankenwelt ein. Erst als es dunkel wurde, ermahnte mich eine innere Stimme und holte mich brutal zurück in die Wirklichkeit. Ich hatte viel zu lange Pause gemacht! Der Sack war nicht einmal zur Hälfte mit Kartoffeln gefüllt, und ich musste noch kochen. Mutter würde wütend sein!
Ich rannte zurück zu unserem Haus. Die Lampen im Inneren brannten, und ich sah meine Mutter in der Küche arbeiten. Sie war schon nach Hause gekommen. Verdammt sei ich!
Ins Haus gehen konnte ich nicht. Sie würde sehen, wie wenig Kartoffeln ich geerntet hatte, und mich als faul beschimpfen. Welche Wörter würden diesmal fallen? Nutzlos? Schande? Enttäuschung? Und selbst wenn ich gekocht hätte, würde sie das Essen als fad und mich als zu dumm zum Kochen bezeichnen.
Ich ging zurück zu meinem Lieblingsplatz und holte mein Messer aus der Tasche. Es war ein kleines Messer mit einer Klinge fast so lang wie meine Hand. Warum hatte ich es überhaupt mitgenommen? In den Griff war ein Pilz mit Gesicht eingeritzt. Der Pilz lächelte. Er lächelte immerzu. Er schien glücklich zu sein auf dem Griff des Messers.
Ich versuchte, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Bloß – wie sollte mir das gelingen? Ich biss mir auf die Lippe. Als ich Blut schmeckte, ließ ich von der Lippe ab und presste die Zähne zusammen. Nichts half. Die Stimme meiner Mutter hämmerte mir gegen den Kopf. Ginge ich zu ihr, würde ich ihr ausgeliefert sein, ohne Versteck, ohne Fluchtmöglichkeit. Ich würde mir wieder anhören müssen, ich sei schuld, dass mein Vater uns verlassen hatte. Ich spürte ein flaues Gefühl in der Brust, und mir wurde unerträglich heiß. Schon bald liefen mir Tränen die Wangen hinunter, ich konnte sie einfach nicht aufhalten.
Wieso weinst du?
Ich sprach zu mir, als wäre ich eine Außenstehende. Wie ein Vogel, der mich beobachtete und über mich urteilte.
Du hast keinen Grund zu weinen. Es ist nichts Schlimmes passiert, und mehr schimpfen als sonst wird Mutter auch nicht.
Mein Geist hatte meinen Körper nicht unter Kontrolle, meine Stimme vermochte mir nichts zu sagen. Ich sah mir dabei zu, wie ich das Messer nahm und die Spitze der Klinge an meinen Unterarm hielt.
Lass es, es wird dir nicht helfen!
Ich drückte zu. Die ersten Blutstropfen kamen zum Vorschein und zeigten sich in einem schönen, dunklen Rot. Ich spürte keinen Schmerz. Ich drückte fester zu und führte die Klinge meinen Arm entlang. Jetzt spürte ich auch sanfte Schmerzen. Die Klinge hinterließ einen Pfad aus Blut, es trat langsam aus der Wunde aus und lief in verschiedenen Bahnen den Arm entlang. Danach tropfte es langsam auf die Wiese. Ein schönes Schauspiel, ich sollte es auf einem Bild festhalten.
Was sagst du dazu, kleiner Pilz?
Er sagte nichts, aber er lächelte immer noch.
Wie glücklich du bist! Ich möchte auch glücklich sein.