Warum Leser ein Buch abbrechen – Auswertung einer Umfrage

sleep_book_kleinDie amerikanische Plattform Goodreads hat eine große Umfrage gestartet. Sie wollte wissen, aus welchen Gründen Leser ein Buch zu Ende lesen oder in die Tonne werfen. Die wichtigsten Ergebnisse habe ich für euch zusammengefasst und kommentiert. Besonders am Herzen lag mir: Was können Autoren daraus lernen?

Die kompletten Ergebnisse findet ihr übrigens hier.

Warum Leser ein Buch abbrechen
    • Fast die Hälfte aller Teilnehmer (und damit überwältigende Mehrheit) gab an: ‚Langsam + langweilig‘! Viele stören sich daran, wenn das Buch einfach nicht zur Sache kommt, z. B. wenn nichts passiert oder der Autor sich mit seitenweise Beschreibungen aufhält, die niemanden interessieren.
      Was ich daraus lerne: Während des Überarbeitens stampfen Autoren ihre Texte ein. Oft braucht es große Überwindung, bereits Geschriebenes wieder zu löschen. Und auch wenn sie es schaffen, fragen sie sich anschließend, ob sie vielleicht zu viel gekürzt haben. Die Umfrage zeigt aber, dass man grundsätzlich eine schnelle, handlungsstarke Geschichte anstreben sollte (außer bei ganz bestimmten Zielgruppen). Also: Der Rotstift ist euer Freund!
      Beispiel: Ich bin dafür bekannt, so kurz und knapp wie möglich zu schreiben und auch zu sprechen. In meinem Buch geht es daher Schlag auf Schlag, und langwierige Beschreibungen vermeide ich. Bisher haben sich aber nur 2-3 Leser darüber beschwert, dass es ihnen zu schnell gehe, und dies war für sie auch kein wesentlicher Kritikpunkt, sondern nur ein nebensächlicher.

 

    • Fast jeder Fünfte legt das Buch weg, weil es schlecht geschrieben ist. Das ist mit gutem Vorsprung Grund #2 und liegt damit auch vor dem Grund: ‚Lächerlicher oder nicht-existierender Plot‘. Das soll nicht heißen, dass den Leuten die Sprache wichtiger ist als der Plot. Trotzdem ist es offenbar eher in der Lage, Frust beim Leser hervorzurufen. Also nehmt euch die nötige Zeit, die ihr zum Überarbeiten braucht. Geht gewissenhaft vor, auch wenn diese Arbeit zäh ist. Und natürlich: Lasst jemanden korrigieren, besser noch lektorieren!
      Was ich daraus lerne: Nichts, denn hier gilt meiner Meinung nach sowieso: Man sollte sowohl am Plot als auch an der Sprache so gewissenhaft wie möglich arbeiten – keine Ausreden!

 

    • Übrigens nannten nur 5% den Grund: ‚Ich mag die Hauptfigur nicht‘. Dies ist deutlich weniger als ich erwartet hätte. Immerhin gilt: Wenn die Leserin die Hauptfigur nicht mag, fiebert sie auch weniger mit. Und dann ist das Buch weniger spannend. Dies wird durch die Umfrage ja auch nicht widerlegt, trotzdem ist eine unsympathische Hauptfigur für die wenigsten ein Grund, ein Buch komplett wegzulegen. Solange sie den Plot oder andere Figuren gut finden, können sie über diesen Makel hinwegsehen.
      Was ich daraus lerne: Auch hier sollte man keine voreiligen Schlüsse ziehen. Es kommt ja nicht darauf an, dem Leser ein Buch zu schenken, das er zumindest zu Ende liest. Nein, er soll unterhalten werden, soll es verschlingen. Da zählt eine Hauptfigur, mit der er sich identifizieren kann, dazu. Bitte vernachlässigt das nicht aufgrund dieser Statistik.
      a3f273ac-aa87-46c8-a2ba-9441f146971a-2060x1236Exkurs: Wenn man Charaktere nicht leiden kann, muss das nichts Schlechtes sein. Ein Beispiel ist King Jeoffrey aus Game of Thrones (hier geht es jetzt nicht um Hauptfiguren). Absolut JEDER hasst ihn aus tiefstem Herzen. Aber gerade deshalb ist er wichtig für die Story. Die Leute wollen ihn unbedingt bluten sehen, und das lässt sie mitfiebern.

 

  • Schlussfazit: Ich möchte jeden davor warnen, die Umfrageergebnisse falsch zu interpretieren. Sie bedeuten z.B. nicht, dass der Plot und eine gute Hauptfigur eher nebensächlich sind. Auf gar keinen Fall! Sie zeigen bloß, dass die Leser über eine schlechte Hauptfigur eher mal hinwegsehen können, wenn andere Aspekte stimmen. Über einen schlechten Schreibstil allerdings weniger, selbst wenn das Buch an sich gut ist.
Was bewegt Menschen zum Weiterlesen?
    • Hier kann man mehrere Antworten zusammenfassen: Über 50% beenden ein Buch quasi aus Prinzip – egal, wie sehr sie dabei leiden (Warum tun sie sich das an? Es gibt so viele gute Bücher, die man stattdessen lesen könnte 😀 ).
      Was ich daraus lerne: Zumindest zeigt es, dass man ein schlechtes Buch noch einigermaßen retten kann, wenn zumindest das Ende gut ist. Etwas lernen kann ich aus dieser Statistik allerdings nicht – zumindest nichts Sinnvolles.

 

    Die meisten Leser wollen bloß unterhalten werden.
  • Ein Viertel aller Befragten antwortete: »Ich muss wissen, wie es weitergeht.« Dies spricht auf folgenden Aspekt an: Die Kurzzeit-Erfahrung. Selbst bei schlechtem Plot und schlechten Figuren gilt also: Wenn die Autorin es schafft, die Spannung aufrechtzuerhalten, werden die meisten Leser nicht aufhören können zu lesen.
    Was ich daraus lerne: Eine Lektion, die auch Noah Lukeman in seinem hervorragenden Buch The plot thickens predigt: Er kritisiert nämlich, dass viele Autoren die Spannung vernachlässigen, weil sie die Priorität auf den literarischen Wert legen. Dabei wollen die meisten Leser bloß unterhalten werden.
Auf welchen Seiten Leser ein Buch abbrechen
    • Viele beenden ein Buch auf den Seiten 0-50 (16%), die meisten bei 50-100 (28%). Manche Leser sind also knallhart und legen ein Buch sofort weg, wenn es sie nicht anspricht. Deutlich mehr Leser gewähren dem Autor zumindest weitere 50 Seiten, um noch die Kurve zu kriegen. Der Autor hat also einen kleinen Puffer.
      Was ich daraus lerne: Hier wird das Rad nun wirklich nicht neu erfunden. Der Anfang ist besonders wichtig, wer hätte das gedacht? Und doch lese ich viele Bücher, bei denen am Anfang kaum etwas passiert. Denkt daran: Nichts ist schädlicher als ‚langsam+langweilig‘. Viele Autoren wollen am Anfang zu viel erklären (siehe auch: Infodump), und das schreckt die Leser ab.

 

  • 100 Seiten erstmal geschafft, wird die Leserin das Buch meistens auch beenden (etwa 82%).
    Was ich daraus NICHT lerne: Natürlich sind Anfang und Ende psychologisch gesehen deutlich wichtiger als der Mittelteil. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle warnen. Denn verdammt vielen Büchern trage ich nach, dass sie ja sooo toll wären, wenn sich doch bloß nicht der Mittelteil so ewig gezogen hätte. Also wenn ihr dem Mittelteil schon weniger Beachtung schenkt, dann vernachlässigt ihn wenigstens nicht völlig. Und bitte zieht euer Buch nicht künstlich in die Länge, nur weil ihr euch zum Ziel gesetzt habt, euer Buch müsse unbedingt 60k Wörter haben.
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6 Gedanken zu „Warum Leser ein Buch abbrechen – Auswertung einer Umfrage

  1. Toller Beitrag. Für Autoren sind das sehr schöne Anreize zum Nachdenken.
    Ich lese ein Buch auch einfach aus Prinzip zuende. So viel Respekt möchte ich dem Autor dann doch entgegenbringen 🙂

    Liebe Grüße
    Jacky von Magie aus der Feder

    • Ich lese auch meistens zu Ende, habe allerdings schon 2-3 Bücher abgebrochen. Man kann mir allerdings nicht vorwerfen, ich hätte es nicht versucht 🙂 Aber wenn man mehrfach wieder anfängt zu lesen und es einfach nicht besser wird … Nunja 🙂

      Liebe Grüße zurück

  2. Sehr interessante Studie. Langeweile und schlechter Plot kann ich bei mir auch bestätigen, obwohl ich mich da normalerweise schon durchkämpfe. Ich versuche jedes Buch fertig zu lesen das sind oft zwei pro Woche. Was aber gar nicht geht, ist schlechte Recherche. Wenn ich das Gefühl habe, da hat jemand den Text einfach im Highspeed hingerotzt, fühle ich mich als Leser nicht ernst genommen und werde regelrecht sauer. Kürzlich erst wieder passiert bei Deutschlands angeblich erfolgreichstem Autor.
    Textstelle (aus dem Gedächtnis) :
    „Er schaltete die Kaffeemaschine ein… …auf dem Weg ins Wohnzimmer nahm er seinen Kaffee aus der Maschine und nippte an dem kochend heißen Getränk. Natürlich verbrannte er sich den Mund und fluchte…“
    Kaffee aus der Maschine ist nicht kochend heiß.
    Handelsübliche Kaffeemaschinen erhitzen das Wasser auf irgendwas zwischen 60 und 70 Grad. Tee wird kochend heiß überbrüht.
    Das mag kleinlich sein aber es ärgert mich. Wenn das nur einmal vorkommt gehe ich drüber weg. Aber dann kam die Sache mit der Brombeerhecke, die gab mir den Rest:
    Der Protagonist kommt an ein Haus, in dem sich ein Kind versteckt und das von einer Brombeerhecke umgeben ist. in Feuer bricht aus, der Kerl kann flüchten. Im weiteren Verlauf beschreibt der Autor x-mal in aller Ausführlichkeit wie unglaublich heiß doch das Feuer war und was alles geschmolzen und was nicht alles ist. Davon abgesehen, war es keine ärmliche Hütte die abgebrannt ist, sondern der Haushalt eines gut situierten Wissenschaftlers oder so.
    Der Held rennt nach draussen und kämpft sich durch die verbrannte Brombeerhecke, die ihm mit ihren zentimeterlangen Stacheln die Kleidung fast vom Leib reißt und diese tief in seine Haut bohrt.
    Was mich daran aufregt?
    1. Kein Mensch der bei klarem Verstand ist, pflanzt sich freiwillig Brombeer als Gartenumrandung. Das Zeug ist wie Unkraut, treibt meterlange Ausläufer, krallt sich überall fest und wird im Herbst richtig häßlich. Wäre es ein Abbruchhaus, könnte ich es noch glauben, in einem gepflegten Garten niemals.
    2. Brombeeren haben keine lange Stacheln sonder tausende fiese, kleine Stachelchen, die so eng zusammen liegen, dass man die Ranken nicht ohne Handschuhe anfassen kann, weil es keine freie Stelle gibt. Das einzige Gebüsch, das mir einfällt mit zentimeterlangen Stacheln, sind Akazien.

    Wie gesagt, man mag das kleinlich nennen, aber da bekomme ich das Gefühl, dass der Autor einfach schnell dahin schreibt um fertig zu werden und sich noch nicht einmal Gedanken macht, ob das so sein könnte. Dazu ist mir meine Zeit zu schade, in der ich auch gute Bücher lesen kann.

    Schöne Grüße

    • Danke Sylvia, du sprichst etwas an, was mich auch stört und woran ich beim Lesen sehr schnell ins stocken gerade. Da kann der Stil noch so gut sein, wenn sich so etwas (unlogisches – teilweise wissenschaftlich belegtes – fantasy ausgenommen) häuft, is da Buch in meinem Inneren schon ein Flop und das grummelnde Gefühl hinterlässt bis zum Ende einen bitteren Beigeschmack 🙁

  3. Hallo Sylvia
    Kann es sein, dass du Wolfgang Hohlbein meinst?
    Ich habe letztens sein „Druidentor“ nach 2/3 lesen enttäuscht weggelegt. Jeder Schulaufsatz wäre besser gewesen. Schade?

  4. @Sylvia: Mir geht es so, wenn der Plot extreme Logikfehler aufweist. Da rege ich mich drüber auf, vielleicht mehr als ich sollte. Daher kann ich auch verstehen, warum dich Recherchefehler so stören 🙂

    @Sabine: Nun weiß ich, welches Buch ich nicht lesen werde 🙂

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