Neues aus der Schreibwerkstatt #2

PenKennt ihr das: Ihr lest ein Buch und habt das Gefühl, die Dialoge wirken künstlich? Da spricht eine Figur, und sie spricht ganz normales Deutsch, und trotzdem kommt es euch einfach nicht echt vor.

 

 

Passieren kann dies, wenn der Autor sich nicht richtig reinversetzen kann in

  • Seine Figur
  • Die Situation
  • Die Sprechweise von „richtigen“ Menschen

Alle diese Punkte sind komplexe Themen mit zahlreichen Unterpunkten – alle einen Blogartikel wert 🙂 Gerade allerdings arbeiten wir in einer Werkstatt, daher genug der Worte und ran an die Arbeit.

Letztens bin ich über folgenden Dialog gestolpert. Mit Absicht zeige ich ihn erstmal ohne weiteren Kontext. Ihr müsst nur wissen, dass es gerade eine hektische Situation ist. Ein 20-jähriger, ganz durchschnittlicher Typ sagt zu seinem Kumpel:

… Weil wir unsere Handys nicht bei uns haben, gehen Danny und ich zum Auto und rufen von da aus an …

Würde ein stinknormaler 20-jähriger so zu seinem Kumpel reden? Wenn es gerade hektisch zugeht? Stellt euch die zwei Jugendlichen mal vor. Also ich behaupte ganz klar: Nein! So reden Menschen einfach nicht, erst recht keine Jugendlichen, erst recht nicht, wenn es schnell gehen muss. Was haltet ihr davon:

Wir haben unsere Handys nicht dabei, wir gehen kurz zum Auto und rufen von da aus an …

Klingt das nicht schon viel natürlicher? Das ist vielleicht kein schönes Deutsch, und niemals würdet ihr einen normalen Text auf diese Weise schreiben, doch so reden Menschen nun mal, also sollten eure Figuren das auch tun. Nur dann wirkt es realistisch. Ihr müsst euch also in die Figuren hineinversetzen können und euch fragen, wie – je nach Situation – ihr selbst, euer Kumpel, eure Oma, der Anwalt, die Nachbarin etc. das ausdrücken würden. In diesem Fall hat der Autor das nicht getan. Die Folge: Vom Stil und vom Klang her klingt sein Dialog genauso wie der Text drum herum.

Menschen reden vor allem in Hauptsätzen.
Übrigens: Seitdem ich diesen Dialog gesehen habe, achte ich darauf, wie wir Menschen sprechen. Und eines wurde mir schnell klar: Wir benutzen vor allem Hauptsätze. Nebensätze sind in gesprochener Form weitaus seltener als in geschriebener. Und wenn, dann sind die Nebensätze meistens angehängt, stehen also am Ende des Satzes. Ihr könnt das ja auch mal beobachten. Da werdet ihr feststellen, dass es nur wenige Nebensatz-Konstruktionen gibt, mit denen wir Sätze anfangen. „Weil“-Nebensätze gehören jedenfalls nicht dazu.

Ausnahme: Wir antworten auf eine Frage, der Nebensatz steht also für sich alleine.

Warum sprichst du so komisch?
Weil ich eine Romanfigur bin.
Nun mit Kontext

Noch unrealistischer wirkt der Dialog, wenn man dann noch den Kontext kennt: Ein Kumpel ist gerade metertief gestürzt und liegt schwer verletzt auf dem Boden. Da sagt unsere Figur (diesmal der vollständige Dialog):

Alles okay, Marc? Weil wir unsere Handys nicht bei uns haben, gehen Danny und ich zum Auto und rufen von da aus die 911 an. Blake kommt zu dir, und David erkundet das Haus, schaut, ob er irgendetwas hilfreiches findet, sowas wie einen Erste Hilfe Koffer.
Sei nicht nur der Regisseur, sondern gleichzeitig auch der Schauspieler für jede einzelne deine Figuren.
Wenn er nicht gerade Tommy Lee Jones in Men in Black ist (und das ist er nicht), nehme ich ihm diesen Dialog nicht ab. Er ist ein stinknormaler Typ, und urplötzlich schwebt sein Kumpel vor seinen Augen in Lebensgefahr. Da erwarte ich eine entsprechende Reaktion. Panik! Hektik! Wenig Atem, kurze Sätz.! Fühle die Situation, lass deine Figuren die Situationen fühlen, und dann lass sie dementsprechend handeln und reden. Sei nicht nur der Regisseur, sondern gleichzeitig auch der Schauspieler für jede einzelne deine Figuren.

 

Teile diesen Beitrag ...Share on FacebookShare on Google+Tweet about this on TwitterShare on LinkedInPin on PinterestEmail this to someoneShare on Tumblr

3 Gedanken zu “Neues aus der Schreibwerkstatt #2

  1. Toller Beitrag! Ich stolperte auch schon sehr oft über unrealistische Dialoge und konnte nur den Kopf schütteln. Als angehende Lektorin helfen mir deine Tipps ebenfalls weiter 🙂

    Liebe Grüße
    Jacky von Magie aus der Feder

  2. Dialoge machen Figuren lebendig. Schade, wenn sie dann im eigenen Text alle in der gleichen geschliffenen Sprache miteinander reden. Dein Beitrag ist daher sehr hilfreich.
    Mir hilft es auch, die Dialoge laut zu lesen. Da merkt man dann oft sehr deutlich, wo es klemmt. Eine gute Schule war für mich übrigens ein Hörspiel-Kurs, in dem wir die Skripte selbst geschrieben und dann die Texte eingesprochen haben. Kann ich wirklich empfehlen, um Dialoge zu üben.
    Frohes Schreiben und viele Grüße, Ricarda

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *